Für Anna (Keira Knightley) und Graf Vronsky (Aaron Johnson) wird die Bühne zur Seelenlandschaft. - © UPI
Für Anna (Keira Knightley) und Graf Vronsky (Aaron Johnson) wird die Bühne zur Seelenlandschaft. - © UPI

Wie heißt es in Shakespeares "Wie es euch gefällt": "Die ganze Welt ist eine Bühne und alle Frauen und Männer bloße Spieler." Regisseur Joe Wright, unter anderem bekannt durch die großartige Verfilmung von Ian McEwans Roman "Abbitte", folgt in seiner Adaption von Tolstois "Anna Karenina" genau diesem berühmten Zitat. Er siedelt das Ehebruch-Drama zum Großteil im künstlichen Ambiente eines leicht angestaubten Theaters an. Dadurch überhöht er die Entlarvung des russischen Großadels im 19. Jahrhundert als überlebte, krisengeschüttelte Schein-Society, bei der jeder seine Rolle zu spielen hat. Dabei sind Optik und Ausstattung umwerfend.

Nicht nur dadurch unterscheidet sich das Drama von den bisherigen Verfilmungen. Es stehen nicht nur die unglückselige Liebesgeschichte zwischen Anna und dem Grafen Vronsky im Mittelpunkt, sondern auch drei Gemeinschaften, die in der Romanvorlage ebenso bedeutungsvoll sind.

Stimmige Gegenentwürfe


Abgesehen von Anna und Karenin werden auch ihr Bruder Oblonsky, der Schürzenjäger, der seine Frau Dolly betrügt, sowie sein Freund, der bäuerliche Landedelmann Levin, der sich in Dollys Schwester Kitty verliebt, die wiederum ein Auge auf Vronsky geworfen hat, miteinander verwoben. Gerade durch das Verhältnis Levin-Kitty entsteht, wie auch im Roman, ein sanfter, positiver Gegenentwurf zur selbstzerstörerischen Leidenschaft der Ausbrecherin Anna. Das bricht die obligate Düsternis angenehm auf. Außerdem bekommt man dabei eine der zärtlichsten und berührendsten Liebesszenen zu Gesicht, ganz ohne Bettgewälze. Im Gegensatz dazu wirkt die choreografisch toll aufgelöste legendäre Ballszene geradezu als stilisierter Liebesakt. Diesem ungewöhnlichen Experiment einer Literaturverfilmung werden auch die Schauspieler zum Großteil gerecht. Keira Knightley gibt, wie auch in den vorangegangenen Wright-Filmen, wiederum ihr Bestes. Bis zum Wahnsinn strahlt sie allerdings eine gewisse Kälte aus, unter der bei ihrem Verhältnis zu Aaron Johnson als Vronsky manchmal die Glaubwürdigkeit leidet. Jude Law als ihr äußerlich eiskalter, doch in seiner Liebe zu ihr durchaus verletzlicher Ehemann vermag diesen Balanceakt perfekt zu meistern. Auch Matthew Macfadyen überzeugt als Oblonsky, eine Mischung von Familienvater und Lebemann mit warmherzigen, aber auch clownesken Zügen.

Ebenfalls gefällt Domhnall Gleeson als Levin, der in der Adelsgesellschaft nur verlegen daherkommt und sich nur beim kraftvollen Grasmähen auf seinem Gut wohlfühlt. Und natürlich bei Kitty (Alicia Vikander glaubhaft in ihrer Wandlung). "Anna Karenina" legt den Focus auf einen rauschhaften Gefühlsreigen. Bei der entfesselten Kamera und dem überwältigenden Dekor, das sich einer Oscar-Nominierung ziemlich sicher sein dürfte, kommt die literarische Tiefe etwas zu kurz. Doch ein derartiges Fest für die Augen ist selten genug, um es zu versäumen.