"Heute ist der 23. November 2011. Meinen Mann habe ich das letzte Mal gesehen am 26. November 2009. Das sind zwei Jahre, ein Jahr hat 365 Tage, 365 mal zwei sind 600 . .. 720 . . . 730. 730 weniger drei: 727. 727 Tage habe ich meinen Mann nicht gesehen." Aus diesem etwas künstlich eingelernt klingenden Statement bezieht die Dokumentation ihren Namen. Bereits zu Beginn küsst sich ein schwarz-weißes Pärchen in einheitlich weißer Kleidung vor gelbem Hintergrund über einen Esstisch hinweg. Dann wartet eine gelb gekleidete, schwarze Frau auf einer Bank gelangweilt auf ihren Mann, der in einer Art, ebenfalls gelber Fliegermontur, per Fernsteuerung einen seltsamen Flugkörper herumschwirren lässt.

Neben permanenten Gelbtönen als Leitfaden durchziehen etwa auch Geräusch-Collagen und fiktionalisierende Musik als Gestaltungselemente den Film. Zugegeben, damit wird ganz bewusst ein herkömmlicher Dokumentarfilm umgangen. Allerdings ist nicht leicht nachzuvollziehen, warum derartig artifizielle Elemente mit bekennend "gewitztem, etwas absurd-skurrilen Grundton" oder "typische Kunstgriffe, Form und Inhalt subtil ineinander zu verzahnen" (Zitate aus der offiziellen Website) ein realgruslig wirklichkeitsnahes Thema geradezu bestimmen. Auch wenn Derartiges in den Arbeiten von Anja Salomonowitz immer wieder zu finden ist. Denn es kann auch der nötigen Spannung im Wege stehen, um den neutralen Zuschauer bei der Stange zu halten.

Puzzleartige Momentaufnahmen


Warum geht es eigentlich wirklich? Binationale Paare mit außereuropäischen Partnern geben Einblicke in ihr Leben. Puzzleartig fügen sich Momentaufnahmen zu einer oftmals offenen Erzählung zusammen, die als Plädoyer gegen das herrschende Fremdenrecht verstanden werden will.

Die Österreicher haben versucht, ihre Beziehung durch eine Ehe zu legalisieren und geraten ständig mit den Behörden aneinander. Das Fremdenrecht wurde zwar ab 1. Juli 2011 erneuert, ein Jahr später überarbeitet sowie auch in diesem Jahr in zahlreichen Punkten adaptiert, wozu auch das fremdenrechtliche Beschwerdeverfahren gehört. Das lässt die Frage aufkommen, inwiefern die Doku auf dem letzten Stand ist. Doch, wie auch immer, es geht dabei fast mehr um die Schwierigkeiten, wenn Gefühle mit gesetzlichen Reglementierungen kollidieren.

Ob es im österreichischen System nun um Deutschkurse, vorgeschriebene Mindesteinkommen, fremdenpolizeiliche Überprüfung auf Verdacht von Scheinehe oder andere Stolpersteine geht. Darüber erzählen die Protagonisten bruchstückweise, aber streckenweise mit einstudierten Phrasen und fast spielfilmähnlich inszeniert, bis sich das beabsichtigte Gesamtbild ergibt. Weitere wesentliche Bestandteile, die zur kritischen Balance beitragen würden, kommen wenig zu Wort, es bleibt rein subjektiv. Dafür erläutert eine Off-Stimme die meist unmenschlichen Varianten des heimischen Fremdenrechts. Insgesamt verschwimmen jedoch Menschen, Situationen und Auswirkungen, sodass sich trotz des brisanten Themas und einer Laufzeit von nur 80 Minuten Ermüdungserscheinungen beim Zuschauer einstellen.

Dokumentation
Die 727 Tage ohne Karamo, A 2013
Regie: Anja Salomonowitz
Mit Susanne Ceesay, Zora Bachmann, Osas Imafidon, Evelyn Barota, Johanna Bauer