Philomena Lee (Judi Dench) und Martin Sixsmith (Steve Coogan) haben eine Mission. - © Constantin
Philomena Lee (Judi Dench) und Martin Sixsmith (Steve Coogan) haben eine Mission. - © Constantin

Ein "in Schande", also unehelich empfangenes Kind galt in katholischen irischen Klöstern der 50er Jahre als willkommener Anlass, die jeweilige Mutter zu Zwangsdiensten zu verpflichten und sie nach der Geburt die Entbindungskosten abarbeiten zu lassen. Das eigene Kind, das mit ihr im Kloster aufwuchs, wird im frühen Kindesalter an adoptionswillige, betuchte Amerikaner verkauft. Alles, was der Mutter bleibt, ist dieser letzte Blick ihres Sohnes, der sich noch einmal zu ihr umdreht.

All das ist tatsächlich geschehen, nicht nur bei Philomena Lee und ihrem unehelichen Sohn, sondern auch in tausenden weiteren Fällen. Etliche irische Klöster und Heime beteiligten sich zwischen 1940 und 1990 an dieser Form des Kinderhandels, und Stephen Frears erzählt nun ein exemplarisches Mutter-Schicksal nach: Es basiert auf dem Buch "The Lost Child of Philomena Lee" von Martin Sixsmith. Der Autor schildert darin, wie Philomena als junge Frau im Kloster schuften musste und wie sie unter der Wegnahme ihres Kindes litt. Er erzählt aber auch, wie sie fast 50 Jahre lang brauchte, ehe sie sich bereit dazu fühlte, dem Schicksal ihres verkauften Kindes, ihres verlorenen Ichs, nachzugehen.

Emotions-Knüller


Gemeinsam mit dem BBC-Journalisten Sixsmith macht sich Philomena auf eine aufwendige Reise, die das ungleiche Paar bis in die USA führt, wo Philomenas Sohn angeblich leben soll. Für Sixsmith ist der Fall anfangs eine Sensationsstory, die er seinen Senderchefs als Knüller verkauft, große Wiedersehens-Emotionen inklusive. Doch im Verlauf der Reise bemerkt er, dass die alte Frau an seiner Seite mehr Respekt verdient, als die Medien einer solchen "Story" gewöhnlich entgegenbringen.

Judi Dench spielt diese Philomena Lee ganz bodenständig und ehrlich, fernab jedes elitären Zugangs, was in ihr sichtbar große Gefühle auslöst, die sie mühelos in ihr Spiel übertragen kann. Steve Coogan als Sixsmith hingegen sorgt für den launigen, kurzweiligen Part der Geschichte. Coogan, der auch als Stand-up-Comedian erfolgreich ist, schrieb am Drehbuch mit, und genau darin liegt die Stärke dieser Verfilmung: Die Dialoge sind überaus feinsinnig gesponnen, Regisseur Frears braucht - auch dank der stimmigen Besetzung - mit der Kamera nur mehr noch draufzuhalten. "Philomena" ist vierfach oscarnominiert, darunter hochverdient für Denchs Leistung und für das adaptierte Drehbuch.

Zu verraten, dass Philomena Lee ihren einstigen Peinigern, den Nonnen im Kloster, am Ende vergeben kann, als diese nur mehr noch senil in ihren Rollstühlen lehnen, ist keineswegs ein Spoiler. Es ist vielmehr ein Zeichen für die gesellschaftliche Notwendigkeit solchen Vergebens, ohne das eine aufrechte Auseinandersetzung mit Gegenwart und Vergangenheit der Kirche gar nicht möglich scheint.