Der Dokumentarfilm "Citizenfour" der US-amerikanischen Regisseurin Laura Poitras ist einer der wichtigsten Filme dieses Jahres. Seine Qualität liegt dabei nicht nur in der Komplexität und Brisanz seines Inhalts, sondern vor allem auch in der adäquat vielschichtigen Weise, wie er diesem beikommt.

Im Januar 2013 wurde Poitras von einem Unbekannten unter dem Pseudonym "Citizen four" via E-Mail kontaktiert. Edward Snowden hatte ihr geschrieben, weil er sich outen wollte, als jener Mann, der das tatsächliche Ausmaß der Überwachung durch die NSA offengelegt hatte, die nach dem "Patriot Act" nach 9/11 längst nicht mehr "nur terrorverdächtige" Bürger ausspioniert, sondern mehr oder weniger jeden.

Im Film liest Poitras aus dem Off immer wieder kurze Exzerpte dieser Korrespondenz vor, die über verschlüsselte Verbindungen entstand, bis Snowden, Poitras und der US-amerikanische Journalist Glenn Greenwald einander im April 2013 in einem Hotel in Kowloon, Hongkong, trafen.

Acht Tage mit Snowden


Acht Tage lang sprachen die drei dort miteinander und tauschten Informationen aus. Während dieser Zeit ging Greenwald gezielt mehrmals an die Öffentlichkeit, bis das Treffen schließlich in der Enthüllung von Snowdens Gesicht kulminierte.

In Poitras’ Film ist dieses Zusammentreffen das Kernstück, aber nicht, weil es quantitativ den stärksten Fokus bekommt, sondern weil Poitras sich darin ganz präzise der tatsächlichen Tragödie nähern kann: Hier wird ein Mensch dafür verfolgt werden, dass er die Wahrheit sagte.

Poitras lässt ihren Film nicht an dieser schrecklichen Erkenntnis weiden, im Gegenteil: In einer perfekt abgestimmten Balance zwischen visuellem Spannungsaufbau und dramaturgischem Understatement erzielt sie maximalen Effekt. Manchmal erinnern ihre Bildfolgen an klassische Szenarien aus guten Horrorfilmen, plausibel nuanciert durch einen zurückhaltenden aber pulsierenden Instrumentalscore, und andernorts kontrastieren statische Momentaufnahmen einer Gebäudefassade die dramatischen Ereignisse hinter den Mauern.

Hinter den Mauern, da steht mit Snowden übrigens ein Mensch, der auf eine Solidarität mit Unbekannten vertraut; ein Mensch, der in Zukunft so oder so in einem Gefängnis leben muss, aber: Die Wahrheit gesagt zu haben, das finde er "befreiend".

Freiheit, dieses "höchste Gut", kann Poitras in diesem Film tatsächlich nur an Snowden festmachen, und es wird deutlich: In der gesamten globalen Überwachungs- und Spionageaffäre geht es für den einzelnen Menschen nicht vorrangig um die von staatlichen Regierungen tatsächlich - und widerrechtlich - gespeicherten Informationen über ihre Bürger, sondern darum, dass Menschen unter dem Eindruck, sie würden Freiheit erlangen, auf grundlegende Rechte verzichten, weil ihnen dafür Schutz versprochen wird.

Kontrolle bietet keinen Schutz


Dass Überwachung aber nichts anderes als Kontrolle bedeutet, aber Kontrolle bei weitem nicht Schutz meint, sondern eine Regierung damit auf die Instrumentalisierung ihrer Bürger, ja sogar ihrer eigenen Verfassung abzielt, das ist es, wogegen Snowden sich im Widerstand positioniert. Besonders schockierend zeigt Poitras im Film diese Entwicklungen am Beispiel einer absurden gerichtlichen Anhörung zu einem der im Zuge der NSA-Affäre aufgedeckten Telekommunikations-Abhör-Skandale, in der ein Staatsanwalt dafür plädiert, die Judikative gar nicht mehr miteinzubeziehen, sondern die Angelegenheit "lieber nur der Legislative und der Exekutive" zu überlassen. Also, vereinfacht gesagt, einen der Grundpfeiler einer Demokratie zu kappen. Poitras lässt solche Szenen gekonnt für sich stehen; die doppelte und dreifache Bedeutung und Instrumentalisierung von inhaltlicher "Vernetzung" ist deutlich genug.

Wenige Stunden, nachdem sein Gesicht erstmals weltweit öffentlich wurde, muss Snowden schleunigst und unentdeckt aus dem Hotelzimmer in Japan. Ein Anwalt hat für ihn gerade bei der UN angerufen, damit Snowden zuerst dort unterkommt. Beruhigend wirkt dies nur kurz. "Es ist zwar gerade Mittagszeit, aber ich denke, man wird ihn reinlassen", hört man den Mitarbeiter des Menschrenrechtskomitees am anderen Ende der Leitung. Egal, unten wartet das Auto.