Das Schlimme ist: Hat sich ein Verdacht erst einmal eingeschlichen, saugt er bald jedes Wahrnehmungsdetail zu seiner Bestätigung ein. Er bläst sich daran auf, wird immer größer und verdrängt alles andere. Er zieht in eine Misstrauensspirale, in der man den Boden sucht und dabei immer tiefer fällt. Ein Zeppelin im Kopf, neben dem nichts mehr Platz hat, mit seinen Ankerseilen bis in den Bauch: Der Verdacht ist ein Ungeheuer, das lange im Inneren eines Menschen wohnt, von wo aus es ihn langsam auffrisst, bevor es dann seinen Weg bricht.

So ein Monster in seinem ganzen Schrecken fühlbar zu machen und ihm das Gesicht zu geben, das es verdient, gelingt filmisch dann, wenn das tatsächlich Sichtbare auch in seiner Betrachtung dem nicht minder verstörenden Verdacht zum Opfer fällt, nicht zu sein, was es scheint.

Doppelte Böden und mehrere Ebenen bestimmen in dieser Hinsicht Veronika Franz und Severin Fialas ersten Spielfilm "Ich seh Ich seh", und die Ahnung stimmt: Auch "eine Hinsicht" ist hier mindestens zwei.

Die zehnjährigen Zwillinge Elias und Lukas (Elias und Lukas Schwarz) sind mit einer schwierigen Situation konfrontiert, als ihre Mutter (Susanne Wuest) nach längerer Abwesenheit wieder nach Hause kommt, den Kopf nach einer Operation zur Gänze bandagiert. Wie eine wandelnde Mumie blickt sie aus nur zwei kleinen Schlitzen, distanziert und fremd und auch sonst wirkt sie lebloser als sonst. Ist das die Erschöpfung nach allem, was passiert ist? Oder ist sie nach dem letzten Streit wirklich noch so verärgert, dass sie einen der Brüder weiter beharrlich ignoriert? Was, wenn die Bandagenfrau gar nicht Mama ist?

Es ist einer der feinen ironischen Twists dieses Films, dass die Zwillinge, ein klassischer Topos des Bösen im Horrorgenre, hier die Sympathieträger sind - selbst dann noch, wenn ihnen gewissermaßen zwei Köpfe wachsen. Lange sind sie außerdem die Einzigen mit einem Gesicht (pun intended), und ihr Königreich ist die Natur.

Mystisch und kühl


Sehr sinnlich und fein nuanciert suggerieren Franz und Fiala zuerst vage Identitätsfragen und kontrastieren dann vor allem - mit Kameramann Martin Gschlacht, der auf 35mm-Film drehte - den mystischen Spielplatz der Kinder, die (Waldviertler) Maisfelder, das Moor, die Höhlen, die Wälder, mit dem kühlen Reich der Mutter, einem hyper-modernen, stylischen Design-Haus, in dem die Luft nur aus Schwarz- und Blautönen zu bestehen scheint.

Fast durchgehend gelingt auch in dieser Opposition von Natur und Artifizialität eine Analogie zum Kinderspiel, bei dem man den größten Spaß daraus zog, wenn das, was "Ich seh, ich seh", dem anderen so lange als möglich verborgen blieb. Fehlgeleitet ist eine Sequenz, in der die Kinder einmal ins Dorf flüchten und in der sich eine überzogene Karikatur des "Österreichischen" exponiert. Wiederum vorzüglich schleicht sich der Horror aber in den Alltag, wenn Rotkreuz-Mitarbeiter auf Spendensuche in das Haus "einfallen", ein Zeitpunkt, an dem die Buben in einem Strudel aus falschen Fährten (und originell abgewandelten Anleihen nicht nur bei Argento und Romero) längst gekonnt selbst navigieren. Bis der Leviathan alle verschluckt.