Erst am Mittwoch wurde der 27-jährige, frühere Marinesoldat Eddie Ray Routh in Texas zu lebenslanger Haft verurteilt, mit "keinerlei Aussicht auf vorzeitige Entlassung". Routh hatte am 2. Februar 2013 den Navy-Seal-Soldaten und Nordamerikas bekanntesten Scharfschützen Chris Kyle und dessen Freund Chad Littlefield erschossen, an einem Schießstand, an dem sie sich getroffen hatten, weil Kyle dem traumatisierten Veteranen Routh helfen wollte. So steht es zumindest noch vorangekündigt in Kyles Biografie, die dieser 2012 veröffentlichte und in der er sich der 255 Tötungen rühmt, die er während seiner (insgesamt vier) Einsätze im zweiten Irak-Krieg "geleistet" haben soll. Offiziell bestätigt sind davon 160, und als gleichermaßen US-amerikanisches Allgemeinwissen gilt: Chris Kyle war ein Held.

Davon zumindest geht Regisseur Clint Eastwood aus, der mit "American Sniper" einen stiernackigen, dumpfblickenden und gehorsamen Soldaten (Bradley Cooper passt hierfür perfekt) in das Zentrum stellt, und darin liegt das moralische Grundproblem des Films. Eine Geschichte strikt aus der subjektiven Sicht eines Helden zu erzählen, der per Definition jemand wäre, der ein Verhalten an den Tag legt, das von großem Mut zeugt, wäre eine Sache.

Ethisch problematisch


Mit der Sicht Chris Kyles übernimmt der Film aber eine zweifellos abweichende Perspektive, die ethisch problematisch ist, filmisch allerdings viel hergibt. Kyle liegt vorwiegend auf Dächern in den Wohngebieten irakischer Siedlungen und hält Verdächtige im Visier, also alle Nicht-Amerikaner, gerne auch Mütter, deren Kinder und "Fleischhauer", die so genannt werden, weil sie perfekt in das Bild des Bösen passen, das die US-Soldaten dort bedroht.

Niemand erinnert sich hier noch an die Massenvernichtungswaffen, die nie gefunden wurden, und überhaupt scheint hier nie jemand nachzudenken. Wenn Kyle leidet, dann, weil er "nicht genug von ihnen erwischt hat". Der Ruf des Muezzin wird gleich zu Beginn vom Lärm heranrollender Panzer übertönt. Eastwood inszeniert formal entsprechend: Klar, fokussiert, viele Einstellungen durchs Fadenkreuz von Kyle, Nahaufnahmen seiner zugekniffenen Augen, seines Fingers am Abdruck. Aufgefangen werden solche Szenen, in denen Eastwood in charakteristischer Reduktion perfekt die Spannung hält, dann noch durch Sequenzen wie sogenannte Tatortbegehungen, quasi um "sicherzustellen", dass jeder Schuss auch "zu Recht" gesessen hat.

Der Sniper Kyle ist also ein sicherer Hafen, in dem die Welt klar geteilt ist in "Zu Tötende" und "Amerikaner". Mehr noch allerdings funktioniert Kyle hier nur als ernstzunehmende Figur im Western-Duell mit jenem Gegner, der sich aus dem immanenten "Selbstverteidigungsmechanismus" speist, mit dem sich die USA seit ihrer Gründung und damit der Ausrottung der Native Americans herumschlagen. Das Drehbuch von Jason Hall zeigt Kyle folgerichtig motiviert, gegen "die Eindringlinge" vorzugehen, nachdem er den Twin-Towers-Anschlag im Fernsehen verfolgt hat. Seine Frau Taya (Sienna Miller) lässt er dort zurück, wohin er später nicht mehr finden wird: zu Hause, wo schon das Geräusch eines Rasenmähers bei ihm Panik auslösen wird, wo er aber auch - mit seiner geladenen 38er hantierend - Taya "ermutigt", sich auszuziehen, während im Nebenraum die Kinder spielen.

Die zentrale Frage über diesen Film ist nicht, wie republikanisch ist er, wie patriotisch, wie ignorant. Sondern, warum möchte man sich eine solch eingeschränkte, geopolitisch komplett befreite Sicht der Dinge in Zeiten wie diesen überhaupt leisten.