• vom 06.05.2015, 16:45 Uhr

Kultur

Update: 09.05.2015, 09:08 Uhr

Bruno Dumont

Da, wo Gott nicht wohnt




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Von Alexandra Zawia

  • Bruno Dumonts Miniserie "P’tit Quinquin" ist grotesk und großartig.

Quinquin (links) mit Hasenscharte und Hörgerät als Held einer grandiosen Mini-Serie. - © Stadtkino

Quinquin (links) mit Hasenscharte und Hörgerät als Held einer grandiosen Mini-Serie. © Stadtkino

Im nordöstlichsten Eck von Frankreich, da, wo Gott nicht wohnt, sitzt der Mensch im "Herz des Bösen", mitunter zerlegt in Einzelteile und verstaut in einer Kuh. Der Aufklärung - dieses abstrusen Mordfalles sowie der überlieferten Reformbewegung, durch rationales Denken alle den Fortschritt behindernden Strukturen zu überwinden - stellt der französische Regisseur Bruno Dumont kurzerhand zwei tollpatschige Kommissare und den pubertierenden Anführer einer Jugendgang gegenüber. Und eine Metaphysis, die aus der wilden, ungezähmten Natur dieser Region um Boulogne-sur-Mer in die spröde Wirklichkeit drängt.

"P’tit Quinquin", gespielt von Alane Delhaye, ist der Titelheld in dieser von Dumont für den TV-Sender Arte produzierten Miniserie, die nun - dank der Initiative "Scope50 - Sie entscheiden, was ins Kino kommt" des Wiener Stadtkinos - als Zweiteiler regulär auf der großen Leinwand zu sehen sein wird. Die beiden Ermittler, Kommandant van der Weyden (Bernard Pruvost) und Rudy Carpentier (Philippe Jore), sind einerseits geplagt von vielen Ticks und Autofahr-Angst, andererseits völlig überzeugt davon, die (richtige) Spur zu halten.

Information

DRAMA
P’tit Quinquin, F 2014
Regie: Bruno Dumont. Mit Bernard Pruvost, Philippe Jore


Lust an der Groteske
Bekannt für seine existenziellen Dramen wie unter anderem "L’humanité", "Hadewijch", "La vie de Jesus", die gerne als "ungeschönt" bezeichnet werden, ist Dumont hier in nie da gewesener Form an der Transgression, der Überhöhung und der Groteske interessiert, die ihren Ursprung nicht nur in der Verschiebung der moralischen Konventionen hat, welche die Figuren hier erleben, sondern auch in einer deformierenden Darstellung der Figuren (und wofür sie stehen) selbst. Quinquin etwa, mit Hasenscharte und Hörgerät im zarten Alter von 11 Jahren, ist kein Held aus dem Bilderbuch. Seine Liebe zur gleichaltrigen Eve dagegen ist genährt von einem paradiesischen Urvertrauen in das Gute, dem nicht einmal die an die Schweine verfütterten Äpfel (und Menschen) etwas anhaben können.

Alles Laiendarsteller, bestimmen diese bewusst oder unbewusst eine außerordentlich exzentrische Atmosphäre mit, die permanent zwischen Realität und Wahnsinn wabert, nicht zuletzt getragen von den tatsächlichen nationalistischen Ausschreitungen, die in jener Region immer wieder Nachrichten machen. Mensch und Institution (bei Dumont oft in Form von Religion) passen hier kaum zueinander, ebenso wenig der Mensch zu irgendeinem Ideal. Wo beginnt die Bestie in dieser "comédie humaine" ist nur eine der Fragen, die van der Weyden und Carpentier nicht klären können.


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Dokumenten Information
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Dokument erstellt am 2015-05-06 16:38:04
Letzte Änderung am 2015-05-09 09:08:39



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