• vom 05.10.2016, 16:13 Uhr

Kultur

Update: 06.10.2016, 08:11 Uhr

Egon Schiele - Tod und Mädchen

Im Schoße seiner Frauen




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Von Matthias Greuling

  • "Egon Schiele - Tod und Mädchen" ist ein stimmiges, famos gespieltes Künstlerporträt.

Glänzend besetzt: Noah Saavedra und Valerie Pachner als Egon Schiele und Wally Neuziel in "Egon Schiele - Tod und Mädchen". - © Thimfilm

Glänzend besetzt: Noah Saavedra und Valerie Pachner als Egon Schiele und Wally Neuziel in "Egon Schiele - Tod und Mädchen". © Thimfilm

Als die für obszön befundene Zeichnung einer nackten jungen Frau in aufreizender Pose im Gerichtssaal in Flammen aufgeht, da durchzuckt es nicht nur Egon Schiele, der dieser Kunstverbrennung tatenlos zusehen muss, sondern vermutlich auch den einen oder anderen Kunstsammler, der schon jahrelang auf die Entdeckung einer Schiele-Zeichnung auf dem Flohmarkt hofft.

Schiele (Noah Saavedra) kann jedoch froh sein, dass er vor Gericht noch einer viel schlimmeren Strafe entkommt als der "Verbreitung unsittlicher Zeichnungen". Eigentlich stand er vor dem Richter, weil man ihm sexuellen Missbrauch an Kindern vorwarf, die sich jedoch nicht erhärten ließen.

"Egon Schiele - Tod und Mädchen" von Regisseur Dieter Berner erzählt vom Schaffen und vom Lieben dieses Ausnahmetalents, als wäre das kurze Leben Schieles, der 1918 mit nur 28 Jahren an der Spanischen Grippe starb, ein einziger sinnlicher Rausch gewesen. Seine Erzählung beginnt mit dem Sterben des Künstlers und der letzten Begleitung durch seine Schwester Gerti (Maresi Riegner), von wo aus sich Rückblenden entspinnen, die Episoden aus Schieles letzten Lebensjahren zeigen; jedoch interessiert sich Berner weniger für Schieles künstlerischen Erfolg als führender Kopf der Wiener Moderne, sondern macht lieber die wahre Wiege von Schieles Kunst im Schoße der Frauen aus.

Fremdgehen für die Kunst

Sein Lebensmensch, die Muse und Geliebte Wally Neuziel (Valerie Pachner), die vielleicht meistgemalte Frau in Schieles Oeuvre, geht ihm bei der Arbeit gerne mal zur Hand und in die Hose - für Schiele nicht nur Anstachelung, sondern sogar Bedingung für seine Kunst, die nur über den sexuellen Weg, den Weg der Verführung aus ihm eruptieren kann.

So toleriert Wally später immer wieder, wenn ihr Egon für seine Kunst fremdgeht, nur die (aus pragmatischen Gründen) geschlossene Ehe mit der wohlhabenden Edith Harms will sie nicht verstehen und zerbricht daran.

Dass aus diesem Biopic keine bemüht konstruierte, allumfassende Erklärung des Künstlers geworden ist, wie das so viele konventionelle Produktionen versuchen, liegt an Berners Fokus auf den Liaisionen des Malers und seinem unbedingten Aufgehen in ihnen; Kunst war ohne Liebe für Schiele nicht denkbar, sie war ihm Mittel zum Zweck, so zwiespältig man seinen Hang zu Akten minderjähriger Mädchen auch sah. Die Kunstwelt hat ihn schon zu Lebzeiten gefeiert, sein Mentor Klimt (Cornelius Obonya) wies ihn jedoch immer wieder darauf hin, Schiele möge nicht dauernd nur "nackerte Kinder" malen.

Was das Schaffen des Malers angeht, mäandert "Egon Schiele - Tod und Mädchen" rund um das titelgebende Gemälde, weil sich darin der zentrale Konflikt von Schieles Leben offenbart: Getrieben als Künstler, beflügelt von der Weiblichkeit, befeuert von der Erotik, (selbst)ausbeuterisch in seinem Schaffen, rücksichtlos gegenüber anderen: ein totaler Künstler ohne Wenn und Aber.

Dass der Film dafür überaus gediegene, von Kameramann Carsten Thiele wundervoll geleuchtete Bilder findet, liegt an Berners unprätentiöser Ausgestaltung der Drehbuchvorlage von Hilde Berger, die in Dialogen und Erzählweise ein sehr authentisches Bild von Wien am Ende des Ersten Weltkriegs zeichnet; nicht weniger authentisch spielt sich das Ensemble, allen voran Riegner, Saavedra und Pachner, frei von den Klischees des Künstleralltags, um genau diesen schließlich so scheinbar mühelos wahrhaftig zu zeigen.





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Dokument erstellt am 2016-10-05 16:17:04
Letzte Änderung am 2016-10-06 08:11:21


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