Als ewig Untoter im vakuumierten Plastiksackerl vor sich hin zu röcheln, hat mit der Vorstellung vom "ewigen Leben" wenig gemein. Zumal die Mehrheit der Menschen in dieser dystopischen Geschichte aus der nahen Zukunft genau auf ein solches Ende zusteuert: Wer nämlich Schulden hat (und wer hat die nicht?), der darf bis zur Begleichung derselben nicht sterben, sondern wird künstlich mit gekühlter Körpertemperatur am Leben gehalten, sein biologisches "Restpotenzial" ausschöpfend.

Eine solche Welt kann es auch im schönen Wien geben, in (naher) Zukunft, wenn es nach Regisseur Valentin Hitz geht. Der erzählt in "Stille Reserven" von einer gleichgeschalteten Gesellschaft, in der sich alles nur ums Sterben dreht. Oder besser: Ums Sterben dürfen. Denn das ist dort ein Privileg. Ein Ausweg ist die Möglichkeit einer teuren Todesversicherung, um in Frieden aus dem Leben zu scheiden und nicht im Zwischenreich festhängen zu müssen und dort als Datenspender oder Organlieferant zu fungieren.

Vom Wert der Endlichkeit

Hitz verkehrt die Fantasie von einem ewigen Leben in ewiger Jugend in "Stille Reserven" ins Gegenteil. Er setzt den Trigger für das Erstrebenswerte anders: Insofern ist sein Film eine überaus klug erdachte Planskizze für einen vollkommen anderen Umgang mit der Endlichkeit und über den Wert der Lebendigkeit nach ihrem eigentlichen Ablauf.

Vincent Baumann (nüchtern interpretiert von Clemens Schick) ist der Versicherungsvertreter, um den die Handlung kreist. Er ist ein braver Vollstrecker einer Diktatur über das Leben, sehr ähnlich einem Guy Montag aus Truffauts "Fahrenheit 451", der sich irgendwann gegen das System wendet, weil er merkt, wie sehr es in ihm fault.

Regisseur Hitz zeichnet seine Dystopie als düstere, scharfkantig und reduziert ausgestattete, in steril-faszinierenden Bildern von Martin Gschlacht gefasste Sci-Fi-Eleganz, die man aus Österreich so noch nicht gesehen hat. Hitz bringt "Stille Reserven" als heimische Produktion und mit österreichischen Akteuren so stringent und mit einer Selbstverständlichkeit auf die Leinwand, dass Hollywood eigentlich zum Hörer greifen sollte, zumindest für ein Remake.

Zuweilen entgleitet Hitz ein wenig die Kontrolle über seinen überaus ambitionierten Film, und er verliert sich dann in den geometrischen Weiten einer fahlen Großstadt Wien, die man lieber nicht als Lebensmittelpunkt hätte, ebensowenig wie die Lebensrealität der Unterwelt und Parallelgesellschaft, in die Versicherungsvertreter Baumann bald geschickt wird, nachdem man ihn degradiert hat, weil er einen wichtigen Kunden nicht überzeugen konnte. Dort gerät er dann an eine mysteriöse Frau (Lena Lauzemis), die ihn mehr und mehr aus seiner bisherigen Lebenswelt holt. Hitz kombiniert hier jazzige Rhythmen mit kontrastreicher Film-Noir-Ästhetik, die "Stille Reserven" ihren beeindruckenden Look schenkt. Die emotionale, erzählerische Komponente des Films kann damit nicht ganz Schritt halten.