Einen stillen, aber gar nicht stummen Film hat Dariusz Kowalski über die Gebärdensprache gedreht. Es ist die Muttersprache Gehörloser, denn auch wenn sie sprechen lernen, werden sie sich nie selbst hören können und haben so keine Möglichkeit, eine gesprochene Sprache perfekt zu erwerben. Genauso wie jede andere Sprache auch, muss sie dafür aber als Kind gelernt werden.
"Seeing Voices" stellt sehr eindrücklich dar, dass mit dem Erwerb einer eigenen Sprache auch ein eigenes Selbstbewusstsein und ein Identitätsgefühl ermöglicht werden. Dieses bleibt gehörlosen Menschen verwehrt, wenn man sie zwingt, unsere Sprache zu sprechen, in der sie immer fremd bleiben werden.

Dabei geben eine Expertin, eine Politikerin, sowie Kinder und Jugendliche Einblick in die Gehörlosen-Community von Wien. Von ihnen kann man lernen, Gehörlosigkeit nicht als Defizit zu betrachten, sondern als Eigenheit, die um eigene Ausdrucksweisen, Umgangsformen, ja sogar Lieder reicher ist.

Der in Krakau geborene und in Wien studierte Filmemacher Dariusz Kowalski hat ein Jahr gelernt zu gebärden und bringt den Zuschauer dazu, in die Welt Gehörloser einzutauchen, einfach weil er die Gebärdensprache konsequent wie eine Fremdsprache untertitelt. So fordert der Film zum Betrachten auf, anstatt über Gehörlose zu reden. Dementsprechend gibt es viel mitzulesen, dafür fällt es so leichter, die stille Schönheit von Gebärdensprachen wertzuschätzen. Ein kluger Kunstgriff, der für eine Filmlänge das Verstehen fördert, auch wenn man nicht die selbe Sprache spricht.

Dokumentarfilm

Seeing Voices, Ö 2016

Regie: Dariusz Kowalski