Menschen, die in einer "Gated Community" leben, reizt irgendwann auch wieder der Blick nach draußen, denn hinter den Fassaden eingezäunter Wohlstandsgemäuer steckt mehr Fadesse, als einem lieb ist. Die abgeschlossene Reichensiedlung, durch einen Wachdienst beschützt und mit großen Einfahrtstoren von der Außenwelt abgeschnitten, ist ein Biotop für den Wahnsinn, für das Surreale, das nicht Wirkliche, das Unfassbare - und darob wirken die Menschen, die in solchen Vierteln leben, nicht selten verschroben und elitär, aber auch ein wenig hinterwäldlerisch.

Diese Erfahrung macht auch die Haushaltshilfe Belén (stoisch-intensiv: Iride Mockert), die hier, in Buenos Aires, anheuert, um den teuren Steinboden einer Familie zu putzen. Das ist selbstredend wenig erfüllend, aber wenn Belén über den Zaun hinaus in die Wildnis Argentiniens blickt, tun sich ungeahnte Welten auf. Gleich neben der abgeschlossenen Reichensiedlung hat sich eine Nudistensekte niedergelassen, beziehungsweise: Es wirkt eher, als war diese schon vorher da. Die ganze Nacktheit gilt natürlich einer höheren Maxime, und die Mitglieder unternehmen sämtliche Tages- und Nachthandlungen im Adams- und Eva-Kostüm. Was Belén zuerst auf-, später erregt.

Lustvolle Selbsterfahrung

Ein erster verstohlener Besuch in dieser Kommune durch die Haushälterin lässt nicht lange auf sich warten; Belén legt ihre vermeintliche Schüchternheit ab und tritt ein in eine Welt der lustvollen Selbsterfahrung.

Der elektrische Grenzzaun ihrer Reichensiedlung ist bald kein Hindernis mehr, jedoch wollen die Reichen nun, dass das nackerte Treiben möglichst rasch ausgemerzt wird. Der Film steuert ab hier auf eine eskalierende Wendung zu.

Lukas Valenta Rinner, Salzburger Regisseur mit Wahlheimat Argentinien, lässt in "Die Liebhaberin" nichts unversucht, um aus dem Kontrast zwischen elitärer Reichenstadt und zerfahren-anarchistischer Kommune die größtmögliche Ruhe strömen zu lassen. Dieses Gleichgewicht gelingt, weil die beiden scheinbar so gegensätzlichen Welten gar nicht so verschieden sind: In beiden gibt es strenge Reglements, die befolgt werden müssen - so endet die Befreiung der einen Seite in der Befreiung der anderen.

"Die Liebhaberin" zeigt das mit einer surrealen, fast süffisant komischen Note, mit der Rinner vor allem illustriert, wie selbst die Illusion von Freiheit Grenzen benötigt, um zu funktionieren. Das gießt er in streng kadrierte Bilder von zwei nebeneinander existierenden Welten, die mehr miteinander zu tun haben, als man vorderhand glauben könnte.

Dass Rinner mit seinen zweiten Spielfilm nicht nur den diesjährigen Diagonale-Spielfilmpreis, sondern auch Festivalteilnahmen in Rotterdam, Saarbrücken oder Toronto erhielt, ist eine direkte Folge aus seiner unaufgeregten Art, große Momente mit größtmöglicher Stille zu verhandeln. So treibt er Absurdes noch mehr auf die Spitze. "Die Liebhaberin" ist junges, forderndes Kino aus Österreich, das aus dem Blick über den eigenen Gartenzaun einen Jux macht und dabei mit großem Ernst vom Menschen und seinen Begierden erzählt.