• vom 29.11.2017, 16:01 Uhr

Kultur

Update: 29.11.2017, 17:38 Uhr

Filmkritik

Sex ohne Grenzen




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Von Matthias Greuling

  • "Teheran Tabu" erzählt von der Doppelmoral der iranischen Gesellschaft.

Heimlicher Sex und Prostitution sind im Iran trotz strikter Verbote an der Tagesordnung. - © Filmladen

Heimlicher Sex und Prostitution sind im Iran trotz strikter Verbote an der Tagesordnung. © Filmladen

Weil der Mann von Pari drogensüchtig ist, im Gefängnis sitzt und keinen Unterhalt für den gemeinsamen fünfjährigen Sohn zahlt, will Pari die Scheidung. Im Iran ist dies aber keineswegs einfach. "Haben Sie die Einwilligung ihres Mannes?", fragt der Richter. Pari hat sie nicht. Sie wird sich in die Prostitution flüchten, um genug Geld für ihren Sohn auftreiben zu können. Sie wird dafür - wie viele andere auch - die gestrengen (religiösen) Gesetze der Islamischen Republik Iran brechen müssen. Und zwar massiv.

Genau wie Sara, die nur zu gerne arbeiten gehen würde, aber auch dafür die Zustimmung ihres Ehemanns benötigen würde. Oder wie Donya, die ihr gerissenes Hymen wiederherstellen muss, um weiterhin als Jungfrau zu gelten.


"Teheran Tabu" zeigt in aufwühlenden, animierten Bildern, wie Doppelmoral und Schein die sensiblen Lebensbereiche der Menschen im Iran durchdrungen haben: Es geht um Sex und Drogen, um verbotene Gelüste und ihre Auslebung, teils ganz ungeniert, teils unter peniblen Sicherheitsvorkehrungen. Am Ende der tabuisierten Sexualakte sind meist die Frauen jene, die am kürzeren Ast sitzen und mit der Schande leben müssen.

Gedreht in Wien
Die Doppelmoral dieser Gesellschaft kennt der mit 25 aus dem Iran ausgewanderte Regisseur Ali Soozandeh zur Genüge. Er lebt seit 1995 in Deutschland und hat die Geschichte zu "Teheran Tabu" von hier aus entwickelt und auch gedreht, denn es wäre undenkbar, eine Filmproduktion mit solchem Inhalt an Originalschauplätzen im Iran zu drehen. Noch dazu verfremdet Soozandeh seine Bilder, indem er das Rotoskopie-Verfahren benutzt, eine Technik, bei der die Szenen des Films zwar mit realen Schauspielern gedreht werden, diese aber vor grünen Hintergründen spielen, wo im Nachhinein die Kulissen digital eingesetzt werden. Hinzu kommt durch die holzschnittartige Vereinfachung der Bilder ein comicartiger Look, der das Geschehen seltsam anonymisiert, oder besser: von der Realität abstrahiert, was dem heiklen Thema geschuldet ist.

Der Film entstand zu Teilen in Wien, gedreht wurde unter anderem mit Asylwerbern. Die Berlinale lehnte den brisanten Film vor einem Jahr ab, manche vermuten dahinter, dass es Druck aus dem Iran gegeben haben könnte. In Cannes wurde er schließlich gezeigt und gefeiert. Regisseur Soozandeh ist im Iran indes unerwünscht. Weil sein Film zu deutlich zeigt, dass das menschliche Verlangen keine Grenzen kennt.

ANIMATIONSFILM

Teheran Tabu, D/Ö 2017

Regie: Ali Soozandeh.




Schlagwörter

Filmkritik, Teheran Tabu

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-11-29 16:05:06
Letzte ─nderung am 2017-11-29 17:38:18



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