• vom 06.12.2017, 16:19 Uhr

Kultur

Update: 06.12.2017, 16:31 Uhr

Filmkritik

Vorfahre auf Rachefeldzug




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Von Susanne Veil

  • Jürgen Vogel spielt Ötzi vor seinem eisigen Ableben als "Der Mann aus dem Eis".

Jürgen Vogel ist Ötzi, dessen Körper 1991 in den Ötztaler Alpen gefunden wurde. - © Port au Prince Pictures

Jürgen Vogel ist Ötzi, dessen Körper 1991 in den Ötztaler Alpen gefunden wurde. © Port au Prince Pictures

Der Mensch hat im Allgemeinen ein enormes Einfühlungsvermögen. Dieses machen sich die Filmemacher von "Der Mann aus dem Eis" zunutze. Sie vertrauen darauf, dass wir in der Lage sind, mit einem Menschen mitzuleiden, mit dem wir weder eine gemeinsame Sprache noch dasselbe Zeitalter teilen. Sie haben deshalb die mutige Entscheidung getroffen, die wenigen Dialoge dieses Steinzeitepos nicht zu untertiteln. Gesprochen wird eine frühe Form der rätischen Sprache. Am Anfang heißt es erklärend, eine Übersetzung sei nicht nötig für das Verständnis der Geschichte.

Wir befinden uns in der Jungsteinzeit vor 5300 Jahren. Kelab (Jürgen Vogel) ist der spirituelle Anführer einer Gruppe von Siedlern am Fuß der Ötztaler Alpen. Als er in die Berge jagen geht, wird seine Siedlung von Räubern überfallen. Er eilt ins Tal zurück und kann nur noch feststellen, dass außer einem Neugeborenen keiner überlebt hat. Um Rache an den Mördern seiner Familie zu nehmen, nimmt er die Verfolgung der drei Männer auf, die ihn über Gletscher und Berggipfel bis auf die andere Seite der Alpen führen wird.

Information

Drama
Der Mann aus dem Eis, D/I/Ö 2017
Regie: Felix Randau
Mit Jürgen Vogel, Susanne Wuest, André Hennicke

Ötzi heißt nun Kelab

Es ist die Geschichte des Mannes, dessen Leiche 1991 in den Ötztaler Alpen gefunden wurde und den Namen Ötzi bekam. Zuerst glaubte man, einen verschütteten Wanderer gefunden zu haben, bis Forscher herausfanden, dass der Mann in der Jungsteinzeit lebte und eines unnatürlichen Todes gestorben war, bevor er im Gletschereis konserviert zur Mumie wurde. Der Film nennt Ötzi nun Kelab und spielt ein mögliches Szenario durch, wie sich dessen Leben und Ableben zugetragen haben könnten. Vor der Alpenkulisse beeindruckt die Ausstattung des Films, die den Eindruck erweckt, als wäre ein Steinzeitmuseum zum Leben erwacht. Getragen wird der Film von Jürgen Vogel. Dessen Kelab erinnert an Leonardo DiCaprios "The Revenant", nur mit Rachegelüsten. Sein Charisma sorgt dafür, dass wir auf seinen Rachefeldzug zu ihm halten. Da das Ende unausweichlich scheint - Kelab sollte unter bestimmten Umständen sterben, damit aus ihm die Mumie Ötzi werden kann -, muss sich der Film ein paar Überraschungsmomente und Wendungen einfallen lassen. Ansonsten ist die Erzählung betont geradlinig und ganz auf das universelle Thema zugerichtet: Auge um Auge, Zahn um Zahn.

Regisseur und Drehbuchautor Felix Randau vertraut darauf, dass Kelabs archaischer Impuls bis heute nachvollziehbar ist. Das Experiment gelingt und lässt vergessen, dass uns von diesem Mann Jahrtausende trennen. Hier zahlt es sich auch aus, dass wir Kelabs Sprache nicht verstehen. Denn so aufs Wesentliche beschränkt, erlaubt das Epos von Rache und Überleben, reines menschliches Verhalten zu studieren. Gier, Rachsucht, aber auch ein gewisses Gerechtigkeitsempfinden lassen sich von vor gut 5000 Jahren bis aufs Heute übertragen. Auch dass wir einem eingefrorenen Skelett eine Geschichte andichten, um mit ihm mitzufühlen und Anteil an seinem Tod zu nehmen, sagt vielleicht mehr über uns aus, als manche genetische Analyse unseres eisgekühlten Vorfahren.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2017-12-06 16:23:10
Letzte ńnderung am 2017-12-06 16:31:24



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