• vom 28.02.2018, 16:09 Uhr

Kultur


Filmkritik

Viel Zeit für die Liebe




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Von Verena Franke

  • Sensibel und sinnlich: Luca Guadagninos "Call Me By Your Name".

Elio (Timothée Chalamet, M.) erlebt mit Oliver (Armie Hammer, r.) einen Sommer, der sein Leben verändern wird. - © Entertainment

Elio (Timothée Chalamet, M.) erlebt mit Oliver (Armie Hammer, r.) einen Sommer, der sein Leben verändern wird. © Entertainment

Genauso ist es, wenn man sich zum ersten Mal verliebt: zart und unsicher, fein flirrend vor Erotik, im Gefühlschaos. Dazu Sommer, Sonne und süßer Müßiggang; und es ist 1983 in Norditalien. Schon fühlt man sich in seine Jugend zurückversetzt, fast riecht man den Duft der reifen Pfirsiche und man hört dazu die Grillen zirpen.

Filmemacher Luca Guadagnino ("A Bigger Splash", "I Am Love") versetzt den Zuseher in seinem jüngsten Film "Call Me By Your Name" in das sinnliche Universum der ersten Liebe: Der 17-jährige Elio Perlman (Timo-thée Chalamet) verbringt seinen Sommer auf dem norditalienischen Landsitz seiner intellektuell gebildeten und mondänen Familie. Der Vater (Michael Stuhlbarg) ist Archäologieprofessor, die Mutter Annella (Amira Casar) ist Übersetzerin. Elio changiert so flüssig zwischen Englisch, Italienisch, Französisch und Deutsch, spielt Klavier und transkribiert Partituren. Eine Freundin darf auch nicht fehlen: Mit Marzia (Esther Garrel) beginnt er ein kleines Abenteuer. Elio erscheint als gebildeter, toleranter Erwachsener, dessen Gefühlswelt jedoch mit der Ankunft des 24-jährigen amerikanischen Forschungsassistenten des Professors, Oliver (Armie Hammer), gewaltig ins Chaos stürzt.


Es folgen die Phasen des scheinbaren Ignorierens, des Neckens, der zarten, teils erfolgreichen, teils erfolglosen Annäherungsversuche, die aufkeimende Lust und das scheinbar unerträgliche Warten auf die gemeinsamen Momente.

Dichte Gefühlswelten
Der italienische Regisseur nimmt sich Zeit, viel Zeit, um mit atmosphärisch dichtem Bildmaterial die Gefühlswelten aufblühen zu lassen. Raffiniert inszeniert er zufällig wirkende Berührungen, albernes Herumgerangel im See oder auch Blicke etwa beim Frühstückstisch. Opulente Dialoge wären hier nur störend. So setzt James Ivory - selbst auch Regisseur einiger bekannter Literaturverfilmungen wie "Zimmer mit Aussicht" (1985) - den gleichnamigen Roman (deutscher Titel: "Ruf mich bei deinem Namen") von André Aciman in ein fein ziseliertes Drehbuch um. Neben-
bei fungiert er als Koproduzent.

Holde Verliebtheit
Guadagnino und Ivory tappen nicht in die Falle des trivialen Coming-out- oder Boy-meets-boy-Films. Vielmehr tritt die gleichgeschlechtliche Liaison im Lauf des Films immer mehr in den Hintergrund, und es scheint, dass es hier mehr um die Liebe selbst, das Verliebtsein an sich geht. Wesentlich trägt dazu der 22-jährige Timothée Chalamet bei, der schauspielerisch mühelos den Film dominiert: Richtiggehend mitfühlbar ist die Zerrissenheit Elios. Diese Darstellung hat ihm immerhin eine Golden-Globes- und nun eine Oscar-Nominierung als bester Hauptdarsteller eingebracht. Nachvollziehbar ist auch Elios Anziehung zu Oliver, den Armie Hammer als selbstbewusst-lässigen US-amerikanischen Schönling inklusive Intellekt verkörpert.

Intensiv berührend geht Guadagninos "Call Me By Your Name" der Oscarverleihung am 4. März entgegen: Neben der Nominierung für Chalamet und des adaptierten Drehbuchs für Ivory geht das Drama auch in den Kategorien bester Film und bester Filmsong ("Mystery of Love" von Sufjan Stevens) ins Rennen.

Liebesdrama

Call Me By Your Name, USA/BRA/F/I 2017

Regie: Luca Guadagnino.

Mit: Armie Hammer, Timothée Chalamet, Michael Stuhlbarg u. a.




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Dokument erstellt am 2018-02-28 16:14:39


Meinung

Der ORF braucht dringend Lob

Man muss die Feste feiern, wie sie fallen, lautet ein altes Sprichwort. Und wenn gerade keines ansteht, kann man ja trotzdem feiern... weiter





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