• vom 14.03.2018, 16:12 Uhr

Kultur

Update: 14.03.2018, 16:21 Uhr

Filmkritik

Völlig unfassbar




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Von Matthias Greuling

  • Christian Frosch erzählt in seinem jüngsten Film den Prozess um Franz Murer nach.

Freigesprochener Kriegsverbrecher: Karl Fischer (Mitte) mimt den "Schlächter von Wilna" Franz Murer. - © Ricardo Vaz Palma/Prisma Film

Freigesprochener Kriegsverbrecher: Karl Fischer (Mitte) mimt den "Schlächter von Wilna" Franz Murer. © Ricardo Vaz Palma/Prisma Film

Das Sakko, mit dem Franz Murer vor den Richter treten will, trägt ein paar Abzeichen. "Tun sie die lieber runter", mahnt ihn sein Anwalt. Denn Abzeichen zu tragen, wenn man als Kriegsverbrecher und Mörder vor Gericht sitzt, kommt nicht so gut, findet er.

Abzeichen hat Franz Murer vor seinem Prozess 1963 genug getragen: Hakenkreuze zum Beispiel. Murer war als der "Schlächter von Wilna" bekannt und berüchtigt. Murer war verantwortlich dafür, dass die jüdische Bevölkerung von Vilnius zwischen 1941 und 1943 von 80.000 auf rund 700 dezimiert wurde; ungeniert behauptet Murer vor Gericht, er könne sich an nichts erinnern, es gäbe eine Verwechslung um seine Person. Was sich 1963 in diesem Grazer Gerichtssaal zugetragen hat, gilt mit Recht als größter Justizskandal der Zweiten Republik: Murer wurde am Ende freigesprochen. Der Prozess fand auf Initiative von Simon Wiesenthal statt, der nicht glauben konnte, wie man als NS-Verbrecher ein unbehelligtes Dasein führen konnte; mehr noch: Wie man als ebensolcher auch noch hohes Ansehen als Kriegsheimkehrer genießen konnte, als aufrechter Österreicher und hochrangiger Vertreter des Bauernstandes gelten konnte. Franz Murer war all dies. Bis zu seinem Tod 1994.

Information

Drama

Murer - Anatomie eines Prozesses, Ö 2018

Regie: Christian Frosch.

Mit: Karl Fischer, Karl Markovics.

Gerichtsdrama im Gedenkjahr

Dass just nun, im Gedenkjahr, sein Fall als Kinofilm zurückkehrt, soll verdeutlichen, wie sehr das NS-Regime mit seinen verheerenden Folgen die österreichische Realität beeinflusst. Regisseur Christian Frosch hat mit "Murer - Anatomie eines Prozesses" den damaligen, zehntägigen Prozess neu aufgerollt und als Gerichtsdrama auf die Leinwand gebracht. Es geht dem Regisseur nicht so sehr um Murer als Person (stoisch verkörpert von Karl Fischer), sondern vielmehr darum, die Stimmung im Nachkriegs-Österreich einzufangen, die voll war mit Zugedecktem, Verdrängtem, absichtlich oder unabsichtlich Vergessenem.

Der Prozessablauf wird nüchtern und mit einer großen Nähe zu den Darstellern geschildert: Froschs Kamera ist immer ganz nahe dabei, lässt den Figuren (und damit auch dem Zuschauer) kaum Luft zum Atmen. Vor Gericht laufen die Emotionen vieler Shoah-Überlebender über, weil sie nicht verstehen können, wie eiskalt Murer reagiert, als sie ihm seine Gräueltaten vorwerfen. Auch Wiesenthal, gespielt von Karl Markovics, ist fassungslos. Jedes Argument hebelt Murers Anwalt (Alexander E. Fennon) aus, indem er die Zeugen nach der Farbe von Murers damaliger Uniform fragte; niemand konnte sich daran erinnern, was dem Verteidiger schon Beweis genug war, dass die Zeugen logen. Am Ende legt der Film nahe, Murers Freispruch habe damit zu tun, dass es politische Interventionen gegeben habe: Der damalige SPÖ-Justizminister Christian Broda habe Wählerstimmen vom rechten Rand nicht vertreiben wollen.

Als Film ist "Murer - Anatomie eines Prozesses" ein wichtiger Beitrag zur Aufarbeitung eines Themas, das bislang viel zu wenig beachtet wurde: Die Befindlichkeit im Nachkriegsmief, als so getan wurde, als hätte es das alles nicht gegeben. Dass Froschs Film mit stolzen 137 Minuten dabei auch Geduld fordert, hängt damit zusammen, dass er den Prozess mit höchster Genauigkeit recherchiert und nacherzählt hat. Das erschwert Unkundigen den Einstieg sehr. Ab der zweiten Filmhälfte aber entwickelt der Film einen starken Sog, auch, weil spätestens dann klar wird, wie unfassbar diese Geschichte eigentlich ist.





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Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-03-14 16:17:47
Letzte Änderung am 2018-03-14 16:21:49


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