"Giovanna ist der Grund, warum ich hinsehe, wo ich eigentlich gar nicht hinsehen will." Und so beginnt eine Flüchtlingsdokumentation, die aus dem Reigen der Filme, die sich diesem Krisenphänomen widmen, heraussticht. Ihrer Menschlichkeit wegen.

Der Schweizer Regisseur Markus Imhoof verbindet in "Eldorado" (ab Freitag in den Kinos) zwei Erzählstränge: 1945 nimmt seine Familie ein italienisches Kriegskind auf, um es aufzupäppeln. Denn es war ein Schweizer Abkommen mit den Faschisten, dass diese jene Juden nicht aufhielten, die mit einem Ticket nach Amerika in die Schweiz gelangten. Für jeden Juden mussten drei Kriegskinder in der Schweiz versorgt werden, erzählt Imhoof aus dem Off. "Die abgemagerte Giovanna aus dem ausgebombten Mailand", so der Regisseur, veränderte sein Leben, sensibilisierte ihn.

Mit nun 76 Jahren möchte Imhoof das Unsichtbare sichtbar machen und verbindet Giovannas Migration mit der heutigen Flüchtlingspolitik. Ein dramaturgisch riskanter Plan, der letztlich aber aufgeht. Dafür geht er auf das Schiff der italienischen Marine, die die Operation "Mare Nostrum" durchführt. In dessen Verlauf werden rund 100.000 Menschen aus dem Mittelmeer gerettet und aufs Festland gebracht.

Bilder, die sich
einbrennen

Eindringlich fräsen sich beim Zuseher Szenen ein, die mit Simplizität Schicksale erkennen lassen: Eine Einstellung etwa, als beim Verlassen des Rettungsboots die Kamera nur die Füße zeigt, die das Marineschiff betreten: mit einem Schuh, in Socken, barfuß. Oder als nach geklärter Identifikation mit Fingerabdruck die Flüchtlinge in strenger Ordnung und Reihe wie am Fließband nacheinander eine Nummer an den Kragen getackert bekommen. Trotz der im Moment der Aufnahme hungernden, durchnässten und erschöpften Massen bleibt Zeit für Menschlichkeit, wenn auch nur flüchtig: Die Marineärztin in weißem Schutzanzug streichelt einer verängstigten Frau über die Wange und beruhigt sie.

Die Rettung, die Erschöpfung der Flüchtlinge, die Aufnahme, das Leben in den Erstaufnahme-Einrichtungen und das Leben danach, nämlich nach negativem Asylantrag, dokumentiert Imhoof, nimmt Einzelschicksale heraus, ohne sentimental zu werden. Dabei schlägt er aus dem Off immer wieder den Bogen zu seiner Begegnung mit Giovanna und seiner Familie, die auch mehrmals Emigration in neue Kulturen erlebte. Imhoof scheut auch nicht davor zurück, in den von der Mafia kontrollierten italienischen Migrantenghettos nachzufragen und illegal zu filmen. Diese Bilder berühren, bewegen, machen wütend und beschämen auch.

"Eldorado" zeigt mit filmisch einfachen Mitteln die harte Realität der Flucht ins vermeintliche Paradies und gewinnt durch Imhoofs persönliche Familiengeschichte eine greifbare Emotionalität, die über übliche Dokus hinausgeht. Der Film wird somit ein Aufruf zur Wiederfindung unserer Menschlichkeit.