• vom 02.05.2018, 17:25 Uhr

Kultur

Update: 02.05.2018, 17:27 Uhr

Neu im Kino

Der Grund: Giovanna




  • Artikel
  • Lesenswert (2)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Verena Franke

  • "Eldorado" des Schweizer Regisseurs Markus Imhoof berührt und entsetzt.

Rettung in Reichweite. - © Foto: Filmladen, Filmverleih

Rettung in Reichweite. © Foto: Filmladen, Filmverleih

"Giovanna ist der Grund, warum ich hinsehe, wo ich eigentlich gar nicht hinsehen will." Und so beginnt eine Flüchtlingsdokumentation, die aus dem Reigen der Filme, die sich diesem Krisenphänomen widmen, heraussticht. Ihrer Menschlichkeit wegen.

Der Schweizer Regisseur Markus Imhoof verbindet in "Eldorado" (ab Freitag in den Kinos) zwei Erzählstränge: 1945 nimmt seine Familie ein italienisches Kriegskind auf, um es aufzupäppeln. Denn es war ein Schweizer Abkommen mit den Faschisten, dass diese jene Juden nicht aufhielten, die mit einem Ticket nach Amerika in die Schweiz gelangten. Für jeden Juden mussten drei Kriegskinder in der Schweiz versorgt werden, erzählt Imhoof aus dem Off. "Die abgemagerte Giovanna aus dem ausgebombten Mailand", so der Regisseur, veränderte sein Leben, sensibilisierte ihn.

Information

Dokumentation
Eldorado, CH/D 2018
Regie: Markus Imhoof.

Mit nun 76 Jahren möchte Imhoof das Unsichtbare sichtbar machen und verbindet Giovannas Migration mit der heutigen Flüchtlingspolitik. Ein dramaturgisch riskanter Plan, der letztlich aber aufgeht. Dafür geht er auf das Schiff der italienischen Marine, die die Operation "Mare Nostrum" durchführt. In dessen Verlauf werden rund 100.000 Menschen aus dem Mittelmeer gerettet und aufs Festland gebracht.

Bilder, die sich
einbrennen

Eindringlich fräsen sich beim Zuseher Szenen ein, die mit Simplizität Schicksale erkennen lassen: Eine Einstellung etwa, als beim Verlassen des Rettungsboots die Kamera nur die Füße zeigt, die das Marineschiff betreten: mit einem Schuh, in Socken, barfuß. Oder als nach geklärter Identifikation mit Fingerabdruck die Flüchtlinge in strenger Ordnung und Reihe wie am Fließband nacheinander eine Nummer an den Kragen getackert bekommen. Trotz der im Moment der Aufnahme hungernden, durchnässten und erschöpften Massen bleibt Zeit für Menschlichkeit, wenn auch nur flüchtig: Die Marineärztin in weißem Schutzanzug streichelt einer verängstigten Frau über die Wange und beruhigt sie.

Die Rettung, die Erschöpfung der Flüchtlinge, die Aufnahme, das Leben in den Erstaufnahme-Einrichtungen und das Leben danach, nämlich nach negativem Asylantrag, dokumentiert Imhoof, nimmt Einzelschicksale heraus, ohne sentimental zu werden. Dabei schlägt er aus dem Off immer wieder den Bogen zu seiner Begegnung mit Giovanna und seiner Familie, die auch mehrmals Emigration in neue Kulturen erlebte. Imhoof scheut auch nicht davor zurück, in den von der Mafia kontrollierten italienischen Migrantenghettos nachzufragen und illegal zu filmen. Diese Bilder berühren, bewegen, machen wütend und beschämen auch.

"Eldorado" zeigt mit filmisch einfachen Mitteln die harte Realität der Flucht ins vermeintliche Paradies und gewinnt durch Imhoofs persönliche Familiengeschichte eine greifbare Emotionalität, die über übliche Dokus hinausgeht. Der Film wird somit ein Aufruf zur Wiederfindung unserer Menschlichkeit.





Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-05-02 17:21:35
Letzte Änderung am 2018-05-02 17:27:19


Kommentar

Besser finden - oder länger suchen?

Das Netz ist übervoll mit Information. Darin ein ganz bestimmtes Partikelchen zu finden, ist nicht immer einfach. Ohne Suchmaschinen ist es meist... weiter





Werbung



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. Damals, als alles einfacher war
  2. Romantik auf Knopfdruck
  3. Eroberung und Wiederhören
  4. Strahlen in Bescheidenheit
  5. Effekthascherei
Meistkommentiert
  1. Der universell Umtriebige
  2. Effekthascherei

Tilda Swinton in einem Haute Couture Kleid des Designers Schiaparelli - das sich sogar in den Schuhen und Handschuhen optisch fortsetzt.

Gruppenbild der Jury: Präsident Guillermo del Toro (4.v.l.) gewann im Vorjahr den Goldenen Löwen für "The Shape of Water". Ganz links Venedig-Chef Alberto Barbera im Gespräch mit Christoph Waltz, ganz rechts:Biennale-Präsident Paolo Barratta. Werbung für Die Single "Baby I Love You" im Magazin Billboard 1959.

Sean Godwells Entwurf einer Kapelle erinnert beim ersten Auftritt des Vatikans auf der Architekturbiennale in Venedig auf den ersten Blick an einen aufklappbaren Würstelstand. Shepard Fairey vor seinem Mural am Wiener Flughafen.



Werbung