• vom 29.05.2018, 22:31 Uhr

Kultur

Update: 30.05.2018, 08:28 Uhr

Filmkritik

Mutter sein ist so viel mehr




  • Artikel
  • Lesenswert (0)
  • Drucken
  • Leserbrief




Von Susanne Veil

  • In "Tully" zeigt eine überzeugende Charlize Theron schonungslos das Mutterdasein.

Charlize Theron als Marlo, kurz vor der Geburt ihres dritten Kindes und nahe am Nervenzusammenbruch. - © Thimfilm

Charlize Theron als Marlo, kurz vor der Geburt ihres dritten Kindes und nahe am Nervenzusammenbruch. © Thimfilm

Marlo (Charlize Theron) ist erschöpft. Sie ist über vierzig, Mutter zweier kleiner Kinder und Ehefrau eines berufsbedingt abwesenden Mannes (Ron Livingston). Ihr Sohn Jonah ist verhaltensauffällig, ohne dass irgendjemand genau wüsste, warum - weshalb er von allen freundlich nur als "seltsam" bezeichnet wird. Dass ungeplant noch ein dritter Nachwuchs ins Haus steht, sorgt bei Marlo nicht gerade für Freudenausbrüche. Damit entspricht sie nicht dem landläufigen Bild erfüllten Mutterglücks.

Nichts wiegt schwerer als das Gefühl, dass alle anderen perfekte, in sich ruhende Mütter sind, die Geburtstags-Muffins in Minions-Form backen, während man selbst nur übermüdet der Erschöpfung nahe ist. Als das dritte Baby auf der Welt ist, schläft Marlo nur noch minutenweise, zwischen Wäsche waschen, Fläschchen vorbereiten, Schulbesuchen, Essen kochen, Haus aufräumen und die Kinder beaufsichtigen. Nur als Marlo wirklich nicht mehr kann, nimmt sie das Angebot ihres Bruders an, ihr eine Nacht-Nanny zu bezahlen.

Information

Drama

Tully, USA 2018

Regie: Jason Reitman.
Mit: Charlize Theron, Mackenzie Davis, Ron Livingston.

Eine solche Nanny kommt über Nacht und kümmert sich um das Kind, sodass die Mutter ein paar kostbare Stunden Schlaf am Stück bekommt und nur zum Stillen geweckt wird. In der Person von Tully (Mackenzie Davis) steht sie eines Abends vor der Tür. Sie ist, wie Marlo einmal war: jung, unbeschwert und voller Pläne. Zwischen den beiden entsteht eine enge Bindung. Tully versorgt nicht nur das Baby, sondern kümmert sich liebevoll auch um die Mutter. Der Film stellt damit die junge Frau der Mutter gegenüber. Diese Darstellung kommt nicht ganz ohne Reue von Seiten der Mutter aus: "Mein Literaturabschluss hat sich ausgezahlt", so Marlo sarkastisch, sie arbeitet in der Personalabteilung eines Proteinriegelherstellers. "Wenn ich einen Traum gehabt hätte, der nicht wahr geworden ist, könnte ich wenigstens wütend auf die Welt sein. Stattdessen bin ich nur wütend auf mich." Doch mit Tullys Hilfe geht es ihr gut, das Haus ist blitzblank und der Kindergarten wird tatsächlich mit selbstkreierten Minions-Muffins beglückt. Beide Frauen ergänzen sich - bis Tully eines Abends verkündet, sie müsse weiterziehen.

Den Körper verliehen

Bei "Tully" ist ein wohlerprobtes Dreigespann am Werk: Drehbuchautorin Diablo Cody erhielt für "Juno" bereits den Drehbuch-Oscar und nach "Young Adult" ist es die zweite Zusammenarbeit zwischen ihr, dem Regisseur Jason Reitman und Charlize Theron als Hauptdarstellerin. Therons körperlicher Darstellung ist es zu verdanken, dass man mit ihr zu fühlen glaubt, wie der eigene Körper abhandengekommen ist, während sie ihn drei Lebewesen geliehen hat. Und dann fragen die eigenen Kinder zum Dank: "Mama, was ist denn mit deinem Körper passiert?"

Dennoch ist der Film eine schonungslos offene Lobeshymne auf das Mutterdasein. Der ungeschminkte Realismus ist beeindruckender als jede Idealisierung. Vor allem aber ist "Tully" in seiner Offenheit der Beginn eines ehrlichen Gesprächs darüber, was es bedeutet, Mutter und Frau zu sein. Zum einen ist ihnen mit überzogenen Vorstellungen von mütterlicher Selbstaufgabe am wenigsten gedient, zum anderen zeigt "Tully": Mutter sein ist so viel mehr als das.





Leserkommentare




Mit dem Absenden des Kommentars erkennen Sie unsere Online-Nutzungsbedingungen an.


captcha Absenden

* Pflichtfelder (E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht)


Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-05-29 16:37:06
Letzte Änderung am 2018-05-30 08:28:24


Kommentar

Reißleine für eine Bruchlandung

Es ist eine Pointe, wie sie nur das Leben schreiben kann. Oder ein Western mit Clint Eastwood, der auf das finale Duell hinsteuert... weiter





Werbung



Beliebte Inhalte

Meistgelesen
  1. "Musikalischer Himmel auf Erden"
  2. Vom Hudeln kommen die Kinder
  3. Paul McCartney meldet sich zurück
  4. Seelenhygiene mit Mahler
  5. Die Liebe, das Geld und die Kunstgeschichte
Meistkommentiert
  1. "Drahdiwaberl"-Gründer Stefan Weber ist tot
  2. Tote Hosen sagen Nova Rock ab

Sean Godwells Entwurf einer Kapelle erinnert beim ersten Auftritt des Vatikans auf der Architekturbiennale in Venedig auf den ersten Blick an einen aufklappbaren Würstelstand.

Shepard Fairey vor seinem Mural am Wiener Flughafen. Eleni Foureira aus Zypern während ihres Probe-Auftritts in Lissabon. 

Fritz G. Mayer, Fritz Wotruba, Kirche zur Hl. Dreifaltigkeit, Außenansicht, Wien 23, 1974–1976. Das Siegerfoto mit dem Titel "Venezuela Krise", es zeigt einen 28-jährigen Mann mit brennendem Oberkörper während heftiger Proteste gegen Präsident Nicolas Maduro in Caracas im Mai 2017. 



Werbung