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Kultur

Update: 14.06.2018, 17:11 Uhr

Film

Eine Skulptur der Zeit




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Von Matthias Greuling

  • Von der Post- zur Weltkarte: Bady Mincks avantgardistischer Kartografie-Film "Mappa Mundi".

- © Amour Fou Filmproduktion

© Amour Fou Filmproduktion

Heute erzählen einem die Karten jeder Handy-App, wohin man fahren muss und wie man Staus vermeidet. Das war nicht immer so. Aber die Faszination, die Welt zu kartografieren, reicht Jahrtausende zurück. Die Vogelperspektive hat uns gelehrt, die Welt besser zu verstehen. Die luxemburgisch-österreichische Filmemacherin Bady Minck hat dazu nun den 45-minütigen avantgardistischen Essayfilm "Mappa Mundi" (derzeit im Kino) gestaltet, der bereits beim Filmfestival in Sundance für Aufsehen sorgte. Als Mischung aus Animations-, Stop-Motion- und Realfilm bildet er die Entstehungsgeschichte der Erde in Form uralter Kartografie ab - eine Menschheitsgeschichte von primitiven bis hin zu äußerst detailreichen Karten, die zeigen, wie die Erde wurde, was sie ist.

In den Worten der studierten Bildhauerin Minck klingt das so: "Meine Frage war: Wie komme ich aus einer flachen Zeichnung in den Raum, und wie kommt der Raum in Bewegung? Oder auch umgekehrt, wenn ich an meinen Film ‚Im Anfang war der Blick‘ denke: Da ging ich der Frage nach, wie österreichische Postkarten ihr eigenes Land darstellen, und was bei einem auf eine flache Postkarte gezwängten Österreichbild verloren geht. Als ich mit diesem Film fertig war, der sich mit einem so begrenzten Rahmen auseinandersetzt, begann der Gedanke in mir zu arbeiten, dass ich mein künstlerisches Grundthema in einem weiter gefassten Rahmen betrachten und mich auch geopolitisch einer größeren Herausforderung stellen wollte. So kam ich von der Postkarte auf die Weltkarte."

Und diese Weltkarte ist ständig in Bewegung, wie die Filmemacherin anschaulich und in aufwendigen Animationen zeigt. Die rasante Reise durch 950 Millionen Jahre Erdgeschichte zeigt im Zeitraffer, wie sich die Erde und die Menschen auf ihr verändern, und zwar immerzu. Migration spielt dabei eine besondere Rolle: Minck offenbart, wie Menschenströme seit Jahrtausenden das Gesicht der Erde bestimmt und verändert haben. Bewegung ist die integralste Eigenschaft unserer Spezies. Die 15.000 Jahre alte Geschichte der versuchten Aufzeichnung von Karten und Gegenden untermauert diese These anschaulich. Mincks Beispiele verdeutlichen, dass unser Blick auf die Welt sich von Generation zu Generation und noch mehr von Epoche zu Epoche verändert.

Grenzen-Debatte "absurd"

"Bewegung ist das Prinzip unseres Kosmos, unserer ganzen Weltordnung, egal, ob wir vom Kontinentaldrift sprechen oder von Migrationsbewegungen", sagt Minck. "Selbst wenn wir jetzt die ultimative Weltkarte, die alles erfasst, zur Verfügung hätten, müsste sie alle 500 Jahre erneuert werden, weil die Erdplatten sich weiterbewegen, die Konstellationen also immer anders sind."

Für Minck ist alles im Leben einem permanenten Wandel ausgesetzt. "Umso absurder erscheint die aktuelle politische Diskussion ums Grenzen-Ziehen und Migration-Stoppen", sagt sie. "Der Homo sapiens hätte nicht überlebt, hätte er sich nicht immer auf die Suche nach der idealen Situation, nach den bestmöglichen Lebensbedingungen begeben. Diese Erkenntnis möchte ich subkutan mitschwingen lassen." Ist "Mappa Mundi" also ein Film über Migration, über das Hier und Jetzt? Zum Teil, denn er ist auch eine geraffte Aufzeichnung von Bewegung.

Mincks Arbeiten, so aktualitätsbezogen und befindlichkeitsreflektierend sie auch sein mögen, haben immer auch etwas Rohes, das dem Medium Film neue Sichtweisen abzutrotzen sucht; diesmal führt das an die Wurzeln der Regisseurin als Bildhauerin, weil der Film sein ganzes opulentes Bild erst nach und nach preisgibt, wie bei der Schaffung einer Skulptur. "Ich sehe mich als fiktionale Erzählerin, und die dritte Dimension - vom Papier in den Raum, die mir so wichtig ist, ist in ‚Mappa Mundi‘ besonders präsent". Ein Film als Skulptur? "Ja, als eine Skulptur der Zeit."

MappaMundi Trailer from Amour Fou on Vimeo.





Schlagwörter

Film, Bady Minck, Mappa Mundi

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Dokument erstellt am 2018-06-14 17:01:25
Letzte Änderung am 2018-06-14 17:11:09


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