• vom 11.07.2018, 16:04 Uhr

Kultur

Update: 11.07.2018, 18:40 Uhr

Foxtrot

Die auf der Stelle treten




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Von Matthias Greuling

  • "Foxtrot" von Samuel Maoz blickt in die israelische Seele - sehr zum Missfallen Israels.

Die israelische Armee steht im Mittelpunkt von Samuel Maoz’ aufwühlendem Drama "Foxtrot". - © Polyfilm

Die israelische Armee steht im Mittelpunkt von Samuel Maoz’ aufwühlendem Drama "Foxtrot". © Polyfilm

Die zwei Soldaten, die bei Michael (Lior Ashkenazi) und Dafna Feldman (Sarah Adler) klingeln, werden gleich schlechte Nachrichten überbringen, die schlechtesten, die Eltern überhaupt erhalten können: Sie werden den Tod des Sohnes vermelden, Jonathan, gefallen in den Reihen der israelischen Armee, ein Trauma für die Angehörigen, ja für das ganze Land: Die Männer und Frauen Israels, sie alle dienen in dieser Armee, sie alle kennen das Gefühl von Verlust, aber sie sind angehalten, es nicht zuzulassen.

Im Leben von Michael und Dafna gerät nun alles durcheinander. Die gut gemeinten, aber nüchternen Vorschläge der Soldaten ("Trinken Sie bitte ein Glas Wasser jede Stunde") verlieren sich in den leeren Augen des Paares. Dass es sich bei der überbrachten Nachricht um eine fatale Verwechslung handelt, fliegt bald auf, ändert aber durch eine neuerliche radikale Wende nichts am Ergebnis. Das Land befinde sich im Krieg, wird ein Offizier später sagen; und Rückblenden zeigen auch, wie Jonathan seine Zeit in der Armee zugebracht hat, an einem verschlafenen Straßenposten im Niemandsland, wo ab und zu nur ein paar Kamele vorbeiziehen. Doch eine Eskalation bringt die Ermordung etlicher Palästinenser, die sich in einem Auto genähert hatten und die man verdächtigte, Granaten dabei zu haben. Die Paranoia vor eigentlich harmlosen, aber später explodierenden Getränkedosen ist so groß, dass einfach prophylaktisch gemordet wird. Die Leichen werden mitsamt des Fahrzeugs gleich mit einem Bagger im Sand verscharrt.

Information

Foxtrot, F/ISR/D/CH, 2017

Regie: Samuel Maoz.
Mit: Lior Ashkenazi, Sarah Adler.

Verstörend

Es sind Szenen wie diese, die "Foxtrot" zu einem eindringlichen Porträt Israels machen; es geht um Krieg, Chaos, Ehre, Väter und Söhne, Stolz und Feindschaft. Es folgen zutiefst verstörende Szenen, aber auch solche, die stilistisch durchdesignt wirken wie eine Kunstausstellung.

Regisseur Samuel Maoz, der für "Foxtrot" beim Filmfestival von Venedig den Großen Preis der Jury erhielt, hat eine besondere Beziehung zur israelischen Armee. Er selbst diente im Libanon-Krieg und hat diese Erfahrung bereits in seinem Erstlingswerk "Lebanon" verarbeitet. Jetzt stellt er nichts weniger als die israelische Gesellschaft in Frage, wenn er suggeriert, die gezeigte kaputte Familie stehe in Wahrheit für ein kaputtes Land. Maoz wurde dafür auf internationalen Festivals gefeiert, in Israel aber scharf kritisiert, unter anderem von der dortigen Kulturministerin Miri Regev, die Hetze gegen die Armee im Deckmantel der Kunst ortete. Regev, einst Sprecherin der Armee, fordert seither, Filme nicht mehr zu fördern, die Stimmung für die "Feinde Israels" machten.

Maoz kümmert das wenig. Sein Film seziert mit den Mitteln der Filmkunst die klaffenden Wunden einer Gesellschaft, die seit Jahrzehnten in einem seltsamen Dauerkriegszustand lebt; diese Wunden haben nie Zeit, auch nur ansatzweise zu verheilen, weil an jeder Ecke neuer Unfrieden droht und viele Menschen ihre ganz eigene Last mitschleppen, darunter auch Jonathans Vater Michael, der sich irgendwann seiner Frau öffnet und sie mit ihr teilt.

Darauf folgt ein Tanz. Der Foxtrott, der dem Film den Titel gibt, ist ein Tanz, der nur wenige Schritte verlangt, vor, zurück, zur Seite. Es ist, als würde man auf der Stelle treten. Das ist das perfekte Bild für Samuel Maoz, der damit plakativ und ohne viel Graustufen, also durchaus einseitig, von einem ganzen Land erzählt, wie es auf der Stelle tritt.





Schlagwörter

Foxtrot, Filmkritik

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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-07-11 16:10:55
Letzte Änderung am 2018-07-11 18:40:03


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