Bereits der Einstieg von "Nach dem Urteil" verbreitet Spannung. Dabei geht es nur um eine bürokratische Anhörung vor einer Familienrichterin, die allerdings mehr als 15 Minuten dauert.

Eine nüchterne Kamera dokumentiert, wie das gescheiterte Ehepaar, Miriam Besson (Léa Drucker) und Noch-Ehemann Antoine (Denis Ménochet), durch ihre Anwältinnen ihre Ansichten im Streit um das Sorgerecht ihres Sohnes (Thomas Gioria) argumentieren lassen. Gewaltausbrüche, Einschüchterungsversuche des Vaters kommen zur Sprache. Doch auch ganz andere Beteuerungen von Seiten Antoines klingen durchaus plausibel.

Auf ebenso ruhige wie hoch konzentrierte Weise werden schwierige Bewertungen der widersprüchlichen Aussagen aus der Sicht von Juristen durchgespielt. Letztlich entscheidet die Richterin zugunsten Antoines.

Fassungslos muss sich Miriam damit abfinden, dass der elfjährige Sohn jedes zweite Wochenende mit seinem Vater verbringen soll.

Die nachfolgend unvermeidlichen Eskalationen zeigen auf, dass allzu oft Kinder die Hauptleidtragenden sind. Regisseur Legrand hält konsequent an seiner äußerlich unaufgeregten Inszenierung fest. Es bleibt bei kühler Beobachtung. Doch der Zuschauer wird in die tief sitzenden Konflikte hineingezogen. Obendrein verleihen die Akteure durch feinsinnige wie eindringliche Darstellungen allem eine erstaunliche Wucht. Man kann auch ohne Gewalt und Tschinnbumm in die Tiefen menschlicher Seele eintauchen.