• vom 05.09.2018, 16:11 Uhr

Kultur

Update: 05.09.2018, 16:31 Uhr

Filmkritik

Wurzeln, wo man Platz findet




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Von Matthias Greuling

  • "Die bauliche Maßnahme" von Nikolaus Geyrhalter spürt Befindlichkeiten über Flüchtlinge auf.

Jeder in der Region hat zum geplanten Maschendrahtzaun eine Meinung. - © Filmladen

Jeder in der Region hat zum geplanten Maschendrahtzaun eine Meinung. © Filmladen

Ein Maschendrahtzaun von mehreren hundert Metern. Zusammengerollt gelagert in einem Container am Brenner. Er wurde eigens angefertigt, um hier zu verhindern, dass Flüchtlinge den Gebirgspass von Italien nach Österreich überqueren können. Doch er wurde nie aufgestellt, sondern ging als "bauliche Maßnahme" in die jüngere Zeitgeschichte der Alpenrepublik ein, in der Flüchtlinge und alle damit verbundenen Querelen schließlich auch wahlentscheidend waren. Wie in vielen weiteren Ländern Europas in jüngster Vergangenheit.

Diese bauliche Maßnahme, die Nikolaus Geyrhalters neuem Dokumentarfilm den Titel leiht, ist ein Synonym für die Abschottung des EU-geführten Teils des Kontinents gegen Zuwanderer aus Ländern Afrikas oder auch Asiens. Auf 370 Metern Länge hätte der Maschendrahtzaun links und rechts von einem kontrollierten Grenzposten zumindest das Umgehen eben jenes Postens erschwert. Jeder in der Region, ob Bauer, Eisenbahner oder Politiker hat dazu eine Meinung, und Nikolaus Geyrhalter, der im Frühjahr für "Die bauliche Maßnahme" mit dem großen Diagonale-Dokumentarfilmpreis ausgezeichnet wurde, hält in der ihm eigenen stoischen Machart seine Kamera auf das, was er unter all den Menschen vor Ort vorfindet.

Information

Dokumentarfilm
Die bauliche Maßnahme,
Ö 2018
Regie: Nikolaus Geyrhalter.

Zustandsanalyse

Da gibt es Hirngespinste, Fantasien und Phobien, Befürchtungen, Ängste, Hoffnungen, Visionen von einer besseren Welt, überwiegend aber: Unbehagen. Geyrhalter fängt ein, was der angedrohte Zaun in den Menschen der Region ausgelöst hat. Dabei nimmt sich der Regisseur viel Zeit für ausladende Totalen und für die Meinung verschiedenster Menschen, die vor der Kamera in bestem Tirolerisch Auskunft über ihre Befindlichkeiten geben - und damit ein ziemlich aktuelles Zeitbild Österreichs entwerfen.

Egal, ob Biobauer oder Mautkassiererin, Jäger oder Arbeiter aus dem Senegal: Geyrhalters Zustandsanalyse wird umso eindringlicher, je länger der Film dauert: Sie spiegelt damit auch in großem Maße die Identität des Landes wider und verhält sich dabei zudem hoch politisch.

Als die Regierung 2016 die Errichtung des Zauns beschließt, gehen die Wogen hoch im Land; einerseits ist man der Bevölkerung eine Lösung im befürchteten Flüchtlingsansturm schuldig, auch, wenn dieser zu diesem Zeitpunkt bereits deutlich am Abflauen war. Andererseits wollte man auch sein humanitäres Gesicht nicht verlieren. Zwischen diesen Polen oszilliert auch die Meinung innerhalb der Bevölkerung. Und dann ist da noch der Standpunkt des Nachbarn Italien: Dort empfand man die Idee der österreichischen Abschottung als Alleingang, den man notfalls auch EU-politisch hätte zu Fall bringen wollen. Geyrhalters Bilderwelten kontrastieren die engstirnige Idee einer dichten Grenze, fangen auch ein, wie unrealistisch effektiver Grenzschutz heute scheint.

"Die bauliche Maßnahme" zeigt in ihrer Konkretheit auch und vor allem, dass jede Grenze eine im Kopf gezogene ist. Schon als zackige Linie auf der Landkarte aufgemalt, ergibt sie keinen Sinn. Und im echten Leben kann jeder Baum wurzeln, wo er dafür ausreichend Platz findet. Linien bieten ihm da keine Schranken.





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Dokumenten Information
Copyright © Wiener Zeitung Online 2018
Dokument erstellt am 2018-09-05 16:21:03
Letzte Änderung am 2018-09-05 16:31:14


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