Kurt Waldheim breitet die Hände aus. Es wirkt, als wolle er zum Gebet ansetzen, als wolle der Hirte seine Herde umarmen. "Jetzt erst recht" hieß es auf den Wahlplakaten, als die Waldheim-Affäre auf ihrem Höhepunkt war. Und Waldheim wurde nicht müde zu betonen: "Ich war ein anständiger Soldat." Die Enthüllungen des Jüdischen Weltkongresses zu seiner Rolle im Dritten Reich waren da erst wenige Wochen alt, die Aufregung war keine lokale, sondern eine internationale. Die USA, dort besonders die von Rechts verhasste "Ostküste", wollten Waldheim als österreichisches Staatsoberhaupt verhindern, doch ÖVP-Chef Alois Mock rief die Österreicher daheim auf, man lasse sich sicher nicht vom Ausland diktieren, wer hier Präsident wird. "Wir wählen, wen wir wollen."

Waldheim, der Österreicher, dem die Welt vertraut, so wurde das damals plakatiert. Weil er UNO-Generalsekretär war und als solcher zehn Jahre lang Diplomatie auf höchster Ebene praktizierte. "Ober mir gibt es keinen mehr", sagte er. Und unter ihm hat auch niemand Nachforschungen angestellt, was Waldheim in den Kriegsjahren wirklich getan hat.

Der Waldheim-Wahlkampf brachte die hitzigsten Wochen in Bezug auf die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit und der Aufbruch in die bis heute andauernde Bewusstseinsbildung des Landes in Bezug auf die eigene Schuld. War Waldheim insgesamt also weniger ein Skandal als vielmehr ein den Anstoß gebender, heilsamer Lernprozess?

Eine Frage, die Ruth Beckermann unberührt lässt. Sie dokumentiert diese Vorwahlzeit im Jahr 1986 bis zum Tag der Wahl Waldheims zum Bundespräsidenten. "Waldheims Walzer" heißt das Werk, das sich ausschließlich aus TV-Archivmaterial zusammensetzt, teilweise auch mit selbstgedrehtem Material der Filmemacherin, die 1986 zu den Protestierenden gegen Waldheim gehörte. Beckermann fing den grassierenden Alltagsrassismus auf Wiens Straßen ein, das lief auf dem Niveau ab "Wenn Hitler nicht gekommen wäre, wer hätte uns Essen und Arbeit gegeben?" Und auch das Wort von der "jüdischen Drecksau" fällt am Wiener Stephansplatz.

Innen- und Außensicht

"Waldheims Walzer" entwickelt in dieser Innenschau auf das Heimische seine größte Sensorik. Aber der Film interpretiert Waldheim und die Folgen nicht. Er detailliert nur die ohnehin bekannten Umstände, mit Akribie und Genauigkeit. Beckermann kontrastiert ORF-Mitschnitte und Nachrichtensendungen, Interviews und Reportagen mit ausführlichem Material internationaler Fernsehsender, sodass ein umfassendes Kompendium entsteht, wie das Ausland Österreich damals wahrgenommen hat; etwas, das in Österreich damals kaum bekannt war, zumal es nur zwei TV-Sender gab.

Zeitgeschichtlich Interessierte werden sich an Beckermanns durchwegs spannend und zuweilen auch launig arrangiertem Zusammenschnitt erfreuen, hinzu kommt, dass die Regisseurin mit sparsamen, aber punktgenauen Kommentaren auf dem Off ihre ganz persönliche Sicht auf die Waldheim-Affäre einstreut. Dass sie Waldheim dabei stets nur den "Kandidaten" nennt und seinen Namen nicht ausspricht, ist eine der vielen Kleinigkeiten, die "Waldheims Walzer" besonders machen. Ein Kinofilm ist er aber nicht, auch, wenn der Film heuer für Österreich ins Rennen um den Oscar geschickt wird; gerade das alte TV-Material, das sich kaum hochskalieren lässt, kommt im Fernsehen besser zur Geltung. Hinzu kommt freilich: Im TV würde der Film wohl eher die Menschen erreichen, an die er sich richtet.