Wien. Das ORF Radio-Symphonieorchester erhält im Oktober 2019 seine erste weibliche Chefdirigentin. Aber Marin Alsop (62) steht nicht nur als Frau für Pioniergeist: Die US-Dirigentin hat sich nicht zuletzt einen Namen als Initiatorin von Sozialprojekten und offenen Konzertformaten gemacht. "Wir wollen neue Welten von Zeitgenossenschaft entdecken", kündigte sie bei einer Pressekonferenz am Mittwoch an.

Das dürfte bei Alsop nicht nur eine altbekannte Phrase sein. Die Bernstein-Schülerin, die mit dem Baltimore Symphony Orchestra die erste Frau an der Spitze eines großen US-Klangkörpers wurde, ihren Vertrag in Sao Paolo noch bis Oktober 2019 erfüllen wird und neben zahlreichen anderen Projekten ein Stipendienprogramm für junge Dirigentinnen ins Leben gerufen hat, bekennt sich nicht nur zur zeitgenössischen Musik in all ihrer Breite, sondern auch zur Inklusion breiter Publikumsschichten. Gerade in der europäischen Tradition ist das durchaus ein Spagat, wie Alsop im APA-Gespräch zugibt. "Es gibt da einen großen Unterschied zwischen der amerikanischen und der europäischen Zugangsweise zu zeitgenössischer Musik: Hier in Europa wird eine Musik, die für viele Menschen zugänglich ist, oftmals gering geschätzt."

Mit Klischees aufräumen

Tatsächlich wird populäre zeitgenössische Klassik, wie sie in den USA gang und gäbe ist, von intellektuellen Apologeten der Neuen Musik in der alten Welt oftmals nicht für ausreichend anspruchsvoll gehalten - das wäre eines von vielen Klischees, mit denen Alsop aufräumen könnte. 25 Jahre lang leitete sie das renommierte Cabrillo Festival für zeitgenössische Musik in Kalifornien, einige ihrer bevorzugten US-Komponisten möchte sie auch nach Wien mitbringen. Wenngleich sie betont: "Ich freue mich sehr darauf, mit dem RSO die Herausforderung anzunehmen, auch die Neue Musik der europäischen Tradition einem breiten Publikum zugänglich zu machen."

Das RSO wird unter Alsops Ägide die Zusammenarbeit mit Superar intensivieren, wo Kindern aus benachteiligten Verhältnissen eine kostenfreie musikalische Ausbildung ermöglicht wird - bis hin zu einem gemeinsamen Konzert im Beethoven-Jahr 2020. In Baltimore, einer von Gewalt geplagten Stadt an der amerikanischen Ostküste, hat Alsop bereits vor zehn Jahren die ähnlich orientierten OrchKids gegründet. "Eine der Überzeugungen, die ich von Leonard Bernstein übernommen habe, ist, dass jedes Kind den gleichen Zugang zu Musik verdient", sagt sie. Das müsse auch die Antwort von Kulturschaffenden auf die zunehmende politische Spaltung der amerikanischen Gesellschaft sein. Die Kongresswahlen am gestrigen Dienstag hätten "ein wenig Aufmunterung" gebracht, so Alsop gegenüber der APA. "Aber nicht so viel, wie gehofft. Mich überrascht überhaupt nichts mehr."