Manchen Klavierschüler hat das erzwungene Üben von Etüden ins Schwitzen gebracht. Auch wenn Komponisten wie Liszt oder Chopin die Etüde zur vollwertigen Kunstform erhoben haben, bleibt die ihr innewohnende Schwierigkeit kein bloßes Nebenprodukt der künstlerischen Aussage, sondern ist durchaus beabsichtigtes Ziel. So auch bei György Ligeti, der seine "Études pour piano" laut eigener Aussage als Reaktion auf sein Unvermögen auf dem Tasteninstrument komponierte - eine radikale Kompensationshandlung, die eines der anspruchsvollsten Werke der Klavierliteratur hervorbrachte.

Der Pianist Pierre-Laurent Aimard hat es sich in kongenialer Weise zu eigen gemacht und nun im Rahmen von Wien Modern zum insgesamt zweiten Mal im Konzerthaus präsentiert. Um das unvollendet gebliebene dritte Buch der Etüden bestmöglich zu integrieren, änderte Aimard die Reihenfolge der Stücke und schlug so eine höchstpersönliche Schneise durch das Werk. Vom fast impressionistisch anhebenden, Gamelan-Musik evozierenden "Galamb Borong" führte der atemberaubende Parcours über das polyrhythmische "Désordre" bis zum obsessiv einen chromatischen Anstieg beschwörenden "L’escalier du diable". Dabei war oft kaum zu glauben, dass das komplexe Gewirr aus Stimmen, Metren und Rhythmen durch bloß zwei Hände hervorgebracht wurde. Im anschließenden Gespräch mit Rico Gulda erklärte sich Aimard durchaus erfreut, dass immer mehr junge Pianisten Ligetis Etüden spielen würden - die Frage sei nur, ob bloß die Finger zur Stelle wären oder eine ganze poetische Welt. Bei Aimard war fraglos beides zugegen.