Bedrohliche, heterogene Töne: Olga Neuwirth. - © Lukas Beck
Bedrohliche, heterogene Töne: Olga Neuwirth. - © Lukas Beck

Im Land herrscht Krisenstimmung: Die Armut greift um sich, die Mittelschicht fühlt sich vom Abstieg bedroht. Wie praktisch, dass man die Schuld dafür einer Minderheit in die Schuhe schieben kann, die der populistische Bundeskanzler auf Druck radikaler Kräfte prompt des Landes verweist. Wir befinden uns in Wien, das in Hans Karl Breslauers Film "Die Stadt ohne Juden" aus dem Jahr 1924 allerdings "Utopia" heißt. Vom Filmarchiv Austria mit Hilfe verschollen geglaubter Teile restauriert, kann der Film nach einem Roman von Hugo Bettauer nun wieder in integraler Fassung gezeigt werden. Aus diesem Anlass beauftragte das Wiener Konzerthaus Olga Neuwirth mit der Komposition einer Filmmusik, die am Mittwoch beim Festival Wien Modern uraufgeführt wurde.

Die Musik für kleines, bläserlastiges Instrumentalensemble und Elektronik, interpretiert vom Ensemble Phace unter der Leitung von Nacho de Paz, ist von der Überlagerung heterogener Materialschichten geprägt, wobei die Elektronik eine dominierende Stellung einnimmt: Stark verzerrte Samples von Volksmusik, Stimmen, liturgischen und anderen Gesängen sowie abstraktere Klänge und Geräusche scheinen einander oft gegenseitig zu widersprechen. Die teils live gespielten Volksmusik-Anklänge funktionieren als erbarmungslose Beschwörung von Gemütlichkeit, die auf irritierende Weise vom Heimeligen ins Unheimliche kippt.

Etwas klischeehaft wirkt es, wenn Szenen aus dem jüdischen Leben mit ebenfalls verzerrten Klezmer-Allusionen oder Synagogalgesängen unterlegt und so im Film bereits vorhandene stereotypisierende Tendenzen verstärkt werden. Fast durchgängig zieht sich ein düsteres Dröhnen als unterste Klangschicht durch den Film. Es ist auch noch zu hören, nachdem der letzte Zwischentitel mit einem hoffnungsvollen Appell an das friedliche Zusammenleben der Völker erloschen ist: Das Unheil bleibt lebendig.