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Wien. Die Punk-Frisur, die Pub-Sprüche und eine Geige, die gern auf Hochkultur pfeift: Mit diesem Auftreten ist Nigel Kennedy in den 90er Jahren zu einer Ikone des Crossover geworden. Auf seinem neuen Album und der zugehörigen Tournee huldigt der Brite George Gershwin, am 27. November live im Wiener Konzerthaus. Im Interview spricht der 62-Jährige über seine frühen Lehrstunden im Jazz, seine Rolle als Enfant terrible und die "peinliche" Brexit-Politik seiner Heimat.

"Wiener Zeitung": Sie haben als Teenager bei Yehudi Menuhin gelernt, waren aber auch kurz "Lehrling" beim Jazzgeiger Stéphane Grappelli. Was taten Sie da genau?

Nigel Kennedy: Ich habe als Assistent für ihn gearbeitet und auch ein paar blöde Arbeiten erledigt. Er hat mich aber immer wieder auf die Bühne geholt. Man lernt nur in der Praxis, das waren wichtige Lektionen.

Manche Klassik-Stars versuchen sich irgendwann am Jazz, können aber ihren akademischen Tonfall nicht abschütteln. Sie lernten diese Klangsprache früh kennen. Profitierten Sie von Grappellis Phrasierung?

Klar! Es steckte viel Persönlichkeit in jeder Note von ihm, und er hatte nicht wirklich einen Plan. Wenn sich Yehudi Menuhin für einen Auftritt fertigmachte, trank er Tee mit Honig. Grappelli genehmigte sich einen Brandy.

Gab er Ihnen einen Schluck ab?

(lacht) Nein, das wäre nicht clever gewesen, ich war erst 13. Für mich waren Menuhin und Grappelli wichtig. Ich lernte, dass es mehrere Zugänge zur Musik gibt und mehr als einer fantastisch ist.

Apropos Vielfalt: Bei Ihrer Tour spielen Sie Gershwin-Stücke, aber auch Werke von Johann Sebastian Bach. Warum?

Ich beginne jeden Tag mit ihm. Wenn ich aufstehe, spiele ich seine Musik eine Stunde lang. Das ist gut für die Hände, weil es nicht die einfachsten Stücke sind, und es ist fast wie eine Meditation. Auf meiner Konzerttour spiele ich aber auch mein Stück "The Magician Of Lublin", das der ehemaligen jüdischen Gemeinde von Polen gewidmet ist. Das hat wiederum eine gewisse Verbindung zum Klezmer-Einfluss bei Gershwin. Mein Programm geht in verschiedene Richtungen, das passt zur Geisteshaltung von Menuhin, der sehr offen war für Menschen und Musikstile.

Apropos Offenheit. Mit Ihrer Punkfrisur und Ihrem Repertoire, das auch vor Jimi Hendrix nicht Halt macht, galten Sie lange als "Bad Boy" der klassischen Musikszene. Hat sich dieses Image erledigt?

Ich war immer der Gute! (lacht) Ich war der missverstandene nette Kerl!

Lassen Sie mich anders fragen: Kann es sein, dass der Klassikbetrieb Musiker wie Sie heute nicht mehr mit Verachtung straft, weil er nicht mehr so zugeknöpft ist wie vor 30 Jahren?