Ein Knabenchor, orchestrale Klangflächen, Orgelspiel, eine verstimmte E-Gitarre, polyphoner Chorsatz, düstere Elektronik, ein Countertenor . . . es sind ganz schön viele unterschiedliche Klang- und Assoziationsräume, mit denen Olga Neuwirth das Publikum in "The Outcast" konfrontiert. Die Komplexität scheint geradezu das Grundprinzip des "musicstallation-theatre" zu sein, das 2012 in Mannheim uraufgeführt wurde und nun bei Wien Modern in einer revidierten, konzertanten Fassung zu erleben war.

"The Outcast" ist die bisher opulenteste Manifestation von Neuwirths Faible für Jean-Pierre Melville, den die Komponistin nicht nur wegen seines wegweisenden literarischen Schaffens, sondern auch aufgrund seiner sozialkritischen Haltung bewundert. Melvilles bekanntestes Werk "Moby Dick" nimmt auch in "The Outcast" eine zentrale Stellung ein. Dass "The Outcast" dennoch mehr oder auch etwas ganz anderes ist als eine Opernfassung von "Moby Dick", verrät schon der Umstand, dass neben Figuren aus dem Roman auch "Old Melville" (hier verkörpert von dem Schauspieler Johan Leysen) und der durch seine Verweigerungshaltung notorisch gewordene Melville-Charakter Bartleby die Bühne bevölkern.

Tauwerk und ein hohes Sängerniveau

Die bereits für sich genommen äußerst dichte Textebene, für die neben Anna Mitgutsch und der Komponistin der auch für David Lynch tätige Barry Gifford verantwortlich zeichnet, erzeugt in Verbindung mit dem heterogenen Klangmaterial und dem live modifizierten Video von Netia Jones einen Zustand konstanter Überforderung, aber auch ein Gefühl des faszinierten Eintauchens in überbordende, dabei minutiös aufeinander abgestimmte Sinnesreize. Im Unterschied zur Premiere blieb die szenische Komponente im Konzerthaus freilich auf ein Minimum beschränkt: Einige zwischen Podium und Decke gespannte Seile symbolisierten das Tauwerk und verschmolzen mitunter effektvoll mit den im Video eingeblendeten Schiffsausschnitten.

Was ein Konzerthaus an szenischem Aufwand nicht bieten kann, machte das Niveau der Mitwirkenden wett: Susanne Elmark, die als Crossdresserin Ishmaela überzeugte, standen mit Sängern wie Otto Katzameier oder Andrew Watts nicht minder souveräne Kollegen zur Seite, während das von Ilan Volkov mit ruhiger Hand geleitete RSO Wien der Gefahr der Intransparenz mit Präzision entgegenwirkte. Das Publikum zeigte sich - von vereinzelten Buhrufen abgesehen - begeistert.