Wien. (dra) Es begann in der Aula am Anton-von-Webern-Platz mit einem Unisono, das sich sukzessive in einen Akkord, dann einen Cluster auffächerte. Von dieser Zelle aus verteilte sich der Klang über die weitläufigen Räumlichkeiten der Wiener Universität für Musik und darstellende Kunst. Die Rede ist vom "Atlas der gesamten Musik und aller angrenzenden Gebiete", dessen augenzwinkernder Größenwahn sich nicht auf den Titel beschränkte: Georg Nussbaumer ließ für die Produktion im Rahmen von Wien Modern am Samstagnachmittag mehr als 300 Studierende der Musikuniversität im Areal verteilt Kompositionen von Barock bis Rock realisieren, um sich zu festgesetzten Zeiten (mittels App synchronisiert) zu gemeinschaftlichen Dreiklangszerlegungen oder lustvollen Kakophonien zu vereinigen.

Zur Orientierung bekamen die Besucher beim Eingang eine Landkarte mit Zeitachse überreicht, auf der etwa "Durwäldchen", "Lärmberge" oder "Stillelöcher" verzeichnet waren. Wem dies eher zur Verwirrung gereichte, konnte sich die gigantische Klangskulptur schlicht flanierend erschließen.

Die Ohren durchpusten lassen

Was im klassischen Konzert nur unter bösen Blicken möglich ist, hier war es Programm: nämlich beim Wunsch nach einem Ortswechsel mitten im Stück den Raum zu verlassen. Das solcherart empowerte Publikum konnte in verborgenen Übezimmern Interpretationen von Schubert oder Schostakowitsch lauschen, zum Widerhall der "Trillerwolke" in den Stiegenhäusern kontemplieren oder sich in der "Klavierhölle" die Gehörgänge von einem Dutzend brutal traktierter Tasteninstrumente ordentlich durchpusten lassen. Ein Erlebnis.