Dass sich "Jubiläum" vom "Jubel" herleitet, ist im Kunstbetrieb nicht immer nachvollziehbar. Im Grunde hat man es mit einem rechnerischen Ritual zu tun: Jährt sich das Geburts- oder Todesjahr eines kreativen Kopfes in ansprechender Weise, also zum 100. oder 250. Mal, schreitet die Allgemeinheit zur Neusichtung von ausgewählten Werken. Die wirken zwar oft selbst schon ziemlich verblasst. Aber erstens kann niemand etwas gegen eine Respektsbekundung sagen. Und zweitens: Was man heute ausgräbt, lässt sich ebenso schnell wieder verscharren.

Knackige Kürze

Im Fall des "Prozess" ist das nicht zu hoffen. Gottfried von Einem, rein rechnerisch betrachtet heuer 100, hat die Oper in den 50er Jahren für die Salzburger Festspiele geschaffen. In bündigen 120 Minuten klappert er die Kernstationen von Kafkas Romanfragment ab und beweist mit einer straffen Dramaturgie ohne jedwede Länge, dass ihm die Theaterpranke nach dem Erfolg von "Dantons Tod" (1947) nicht abgefallen ist. Dabei spitzt er seinen Stil markant zu: Hörbar ein Verehrer von Carl Orff, spannt er Wummerbässe und Ratterrhythmen vor den Karren der Handlung, verzichtet auf süffige Melodien zugunsten von Sprechgesangssalven und überlagert diese mit jazzigen Bläserakkorden. Ein Getriebe, das sich zwar etwas mehr Abwechslung verdient hätte, aber die groteske Machtmaschinerie präzise nachzeichnet, die den Angeklagten Josef K. zerreibt.

Die Salzburger Festspiele haben den "Prozess" im Sommer in einer konzertanten Musteraufführung präsentiert, diese fand nun im Wiener Konzerthaus eine Wiederholung: Michael Laurenz verkörperte den Josef K. mit einem stählernen, wortdeutlichen Wundertenor, Ilse Eerens verlieh drei Frauenfiguren warmen Vokalglanz, Martin Winkler stellte seine clowneske Dämonie in den Dienst mehrerer Finsterlinge, und HK Gruber leitete das RSO Wien punktgenau. Bleibt nur ein Wunsch: szenische Aufführung subito!