Die Welt wird immer komplexer, dreht sich immer schneller, wird immer lauter. Die Sehnsucht nach Eindeutigkeit und das Bedürfnis nach Vereinfachung steigen parallel dazu - in vielen Lebensbereichen. Im dröhnenden Kanon der verwirrend vielen Stimmen sucht der moderne Mensch heute eher den Gleichklang und das Unisono, begibt sich in geschützte Meinungsblasen, zimmert sich eine Echokammer fürs Wohlbefinden.

Die den Horizont erweiternde, die eigene Stimme kontrastierende Vielstimmigkeit oder gar die mit Spannung aufgeladene Dissonanz scheinen da zunehmend unattraktiv. Andere Stimmen dienen maximal dazu, die eigene Position abzugrenzen, die eigene Meinung daran wie mit einem komplementären Kontrastmittel zu schärfen. Zuhören, andere Stimmen gleichwertig neben der eigenen erklingen zu lassen, sind keine zentralen Anliegen. An kaum einer Kulturtechnik lässt sich der Trend hin zu dieser neuen Einstimmigkeit besser illustrieren als am gemeinsamen Singen, am vielstimmigen Chorgesang. Und an kaum einer in Vergessenheit geratenden Praxis lässt sich anschaulicher zeigen, auf was wir damit verzichten.

Der erste Ort, an dem Kinder bewusst auf andere Stimmen und damit andere Blickwinkel auf die Welt treffen, also erstmals die Dynamiken der Gruppe bewusst erleben, ist die Volksschule. Sie ist auch der Ort, an dem gemeinsames und vor allem mehrstimmiges Singen (in Bezug auf die Entwicklung der Kinder) erstmals funktionieren kann. Die Betonung liegt auf dem "kann", wie ein Blick in die schulische Praxis zeigt. "Es gibt immer weniger Lehrerinnen und Lehrer, die sich sicher genug fühlen, um sich vor eine Klasse zu stellen und mit den Kindern zu
singen", weiß Pädagogin Barbara Ferlesch aus ihrer Arbeit in einer Volksschule im 15. Wiener Gemeindebezirk. Wenn Lehrerinnen und Lehrer mit den Kindern singen, dann meist mithilfe von Play-back-CDs: "Ein reales Instrument sehen nur wenige Kinder in diesen vier Jahren Volksschule."

Die Wiener Sängerknaben

Musikpädagogin Beate Koch teilt diese Beobachtungen: "Diese CDs tauchen bereits im Kindergarten auf. Bei dieser Form des Singens müssen Kinder nicht mehr eigenständig singen können, sie singen einfach mit dem vorgegebenen Playback mit." Koch, die erst dieses Jahr einen Kinderchor in Wien Neubau gegründet hat, sieht darin eine Verarmung der musikalischen Schulung. Mit einem aktiven schöpferischem Prozess hat diese Form des Musizierens kaum noch etwas zu tun: "Das Werk ist immer schon fertig, die Kinder klinken sich nur ein."