Dass Kolleginnen und Kollegen sich hier zunehmend gegen das Singen als Methode entscheiden, dafür macht Ferlesch auch das mangelnde Selbstvertrauen der Pädagogen in ihr Singen verantwortlich. "Viele von ihnen lernen erst im Erwachsenenalter im Rahmen der Ausbildung ein Instrument. Das verfestigt sich ganz anders als in der Jugend." Klanglich perfekt gemachte CDs als bequeme und leicht verfügbare Unterrichtsmaterialien unterstützen dieses Unbehagen der Lehrer noch. Sie setzen auf die vermeintlich sichere Karte.

Ferlesch setzt an ihrer Schule in Rudolfsheim-Fünfhaus auf die Partnerschaft mit Superar. Der Verein hat das Ziel, Kindern "kostenfreien Zugang zu hochwertiger musikalischer Förderung" zu ermöglichen. Vier Stunden Chorgesang hat die Klasse von Barbara Ferlesch in dieser Kooperation pro Woche. "Das Singen erweist sich gerade in einer Schule, in der der Anteil der Kinder mit nicht deutscher Umgangssprache sehr hoch ist, als wunderbares Integrationstool. Sprache lernt sich in Kombination mit Musik wesentlich leichter. Es fördert zudem das Gemeinschaftsgefühl, schweißt eine Klassengemeinschaft zusammen."

Blickt man über das System Schule hinaus, lässt sich beobachten, dass parallel mit dem Verlust der musikalischen Fertigkeiten, auch die Sehnsucht danach steigt, sie (wieder) zu beherrschen. Das zeigt sich nicht nur in einer aktiven Szene an Laienchören. Auch im Konzertleben gibt es Angebote, die eigene Stimme zu erheben, in den vielstimmigen Klang einzustimmen. Das Wiener Konzerthaus veranstaltet dieses Wochenende wieder ein "Sing Along" zum Thema Weihnachten - dabei wird unter professioneller Anleitung mehrstimmig gesungen. Für Konzerthauschef Matthias Naske ist Polyphonie ein philosophisches Thema: "Die eigene Stimme unabhängig von anderen zu gestalten, das ist ein emanzipatorischer Akt anderen Gegenüber. Das Erlebnis der Vielstimmigkeit geht weit über das unmittelbare künstlerische Leben hinaus. Es ist die Möglichkeit, gemeinschaftlich den bereichernden Wert von Andersartigkeit zu erleben." Eine Lektion, deren bereichernde Kraft nicht zu unterschätzen ist. Und eine Erfahrung, die so manchen verengten Horizont erweitern könnte.