Die Ouvertüre verirrt sich zwar ab und an in ein Konzertprogramm, das ganze Werk hingegen fristet im heutigen Opernbetrieb ein Schattendasein. Zu Unrecht, denn die Musik ist durch und durch meisterhaft, und die Handlung des viel gescholtenen Librettos lässt sich problemlos auf das Wesentliche - zeitlose seelische Konflikte - reduzieren. Das Theater an der Wien hat Carl Maria von Webers Oper "Euryanthe" in ihre Uraufführungsstadt zurückgeholt und dabei alles richtig gemacht.

Am Kärntnertortheater erwartete das Publikum im Herbst 1823 gespannt einen Nachfolger des so erfolgreichen "Freischütz". Weber wollte dieses Mal seine Befähigung unter Beweis stellen, auch ein musikalisches Bühnenwerk ohne Dialog, im Stil der Großen Oper, schreiben zu können. Mag die Bedeutung der Komposition als Beginn einer neuen Epoche der dramatischen Musik vielfach erkannt und gewürdigt worden sein, richtig durchsetzen konnte sich "Euryanthe" schon damals nicht. Jene Breitenwirkung, die ihrer Bedeutung als Kunstwerk entspräche, blieb ihr versagt. Eduard Hanslick konstatierte eine Verwandtschaft von "Euryanthe" und "Lohengrin" und schlussfolgerte, dass Wagner an diese von Weber angestoßene Richtung der romantischen Oper nur anzuknüpfen brauchte: der dramatische Deklamationsstil der Gesangslinie, die selbständige Haltung des Orchesters, die Weitung der geschlossenen Formen, die vielfach bereits im leitmotivischen Sinn verarbeitete Thematik.

Zum späten Recht verholfen

Constantin Trinks am Pult des ORF Radio-Symphonieorchesters Wien verhilft Webers Musik zu ihrem späten Recht. Leidenschaftlich, klug und klar führt er alle Beteiligten durch das knapp dreistündige Werk. Trinks hat den Mut, die Dramatik der Partitur voll auszukosten, auch wenn dies bedeutet, manchmal die Zeit anzuhalten. Die vielen - oftmals unvermittelten - Stimmungswechsel gelingen durch das wendig reagierende Orchester geschmeidig; Webers Partitur schillert in vielen Farben. Glänzend, mystisch, feurig, aufwühlend, herzerweichend: So gut wie jede Gefühlsregung ist in diesem Tongemälde abgebildet.

Die emotionale Seite ist es auch, die Christof Loy in seiner Inszenierung voll ins Zentrum rückt. Auf mittelalterlichen Ritterglanz, schauerliche Geisterwelten und Naturschilderungen verzichtet diese Produktion. Ja, einige Facetten der romantischen Oper bleiben auf der Strecke. Doch in Summe bewirkt das gewählte Konzept eine schlüssige Herangehensweise an Helmina von Chézys Libretto. Durch die Konzentration auf die zwischenmenschlichen Beziehungen gelingt ein fesselndes Kammerspiel mit emotionaler Tiefe. Enttäuschte Liebe, Rache, Eifersucht und Kränkung sind ewig gültige Themen. Adolar liebt Euryanthe, sie erwidert seine Gefühle. Eglantine hingegen ist unglücklich in Adolar verliebt, und Lysiart steht bei Euryanthe auf verlorenem Posten. Die unumstößliche Treue von Euryanthe wird auf die Probe gestellt. Zweifel schleichen sich ein, und flugs ist nichts mehr wie vorher.

Muss eine Geschichte mehr können? Nein. Die stringente Personenführung mit ihren perfekt gesetzten Blicken und Gesten destilliert das Wesentliche und transportiert es über die Rampe direkt zum Publikum. In einem fast leer geräumten Saal (Bühne: Johannes Leiacker) verheddern sich die handelnden Personen (Kostüme: Judith Weihrauch) in emotionalen Verstrickungen.

Furioser Racheengel

Am beeindruckendsten tut dies Theresa Kronthaler als Eglantine: Ein furioser Racheengel, der packend gestaltet und hingebungsvoll spielt - mit den Rezitativen, mit der eigenen Beweglichkeit. Als Euryanthe reüssiert Jacquelyn Wagner mit blühendem Sopran und glaubhafter Rollengestaltung. Respekt vor Andrew Foster-Williams, der als hinterlistiger Lysiart buchstäblich alles offenlegt, um die Treueste der Schönen zu erobern. Norman Reinhardt ist ein redlicher Adolar, Stefan Cerny ein stimmstarker König. Ein wesentliches Element des Abends ist der wortdeutlich, spielfreudig und hochmusikalisch agierende Arnold Schoenberg Chor. Eine Produktion, die in Erinnerung bleibt.