Gleich in seiner ersten Saison als Chefdirigent der Wiener Symphoniker setzte Philippe Jordan Bachs "Matthäuspassion" auf das Programm; es folgten die h-Moll-Messe und die "Johannespassion". Nun streunte das Orchester mit den Teilen vier bis sechs des Weihnachtsoratoriums abermals außerhalb seines Stammrepertoires, für Julia Kleiter sprang dabei Lenneke Ruiten ein (mit warmer Stimme und einem Schärfen abdeckenden Vibrato).

Schwungvolle Fülle

Herrlich, dass sich die Symphoniker an Bach wagen, gilt es doch, Barock nicht zur ausschließlichen Domäne der Historischen Aufführungspraxis werden zu lassen. Das funktioniert am besten, indem man auf eigene Stärken bedacht ist. Lieber voluminöser Schönklang mit Schwung als hölzern brav das Vibrato zu reduzieren. Zu dieser Fülle lädt das Weihnachtsoratorium glücklicherweise ein. Die beschwingte Continuogruppe fungierte dabei als Triebfeder. In der Echo-Arie "Flößt mein Heiland" gesellte Jordan, erheiternd-effektvoll, dem zweiten Sopran - links im Off - eine Echo-Oboe rechts im Off hinzu. Die Wiener Singakademie sang beglückend wortverständlich und präzis, sogar zart. Weihnachtsoratoriumsveteran Werner Güra, mit seinem angenehmen baritonalen Tenor, hat über die Jahre wenig von seiner Lockerheit verloren. Wiebke Lehmkuhl, mit einer Stimme wie gereifter, trockener Sherry, stach durch Singfreude hervor, der junge Andrè Schuen agierte überdramatisch-druckvoll, aber klangschön und mit Eleganz. Der Choral "Jauchzet, frohlocket" erfreute als weihnachtliche Zugabe.