"Schön, dass es ein paar Jahre gedauert hat": Christian Thielemann vor seinem ersten Wiener Neujahrskonzert. - © apa/Hans Punz
"Schön, dass es ein paar Jahre gedauert hat": Christian Thielemann vor seinem ersten Wiener Neujahrskonzert. - © apa/Hans Punz

Wien. So leicht einem die Melodien der Strauß-Dynastie ins Ohr rutschen, so rund der Klang der Philharmoniker tönt: Es liegt wohl nicht nur an diesen Qualitäten, dass das Wiener Neujahrskonzert zu einem Exportschlager in mehr als 90 TV-Nationen avanciert ist. Wenn die Zukunft beginnt - und das scheint am 1. Jänner stets der Fall zu sein -, keimt bei aller Aufbruchsstimmung auch ein Bedarf nach Vertrautem auf. Und den stillen die Wiener Philharmoniker souverän. Im immergleichen Goldenen Musikvereinssaal, mit dem immergleichen Repertoire, den immergleichen Schluss-Zugaben.

Der Taktgeber am Dirigentenpult bürgt dabei für das nötige Quäntchen Abwechslung. Alljährlich wird diese Position neu und prominent besetzt. Wobei: So mancher Maestro ist schon jahrzehntelang ein Star, bevor ihn das Wiener Orchester zum Neujahrstermin lädt. Am nächsten Dienstag verrichtet diese Arbeit sogar ein besonders glamouröser Debütant - Christian Thielemann. Kaum ein Dirigent besitzt weltweit solche Zugkraft wie der 59-jährige Berliner. Der freut sich "von Herzen auf dieses Konzert", erklärt er und findet es auch "schön, dass es ein paar Jahre gedauert hat".

Gemeinsamer Weg zum Walzer: Hellsberg. - © apa/Neubauer
Gemeinsamer Weg zum Walzer: Hellsberg. - © apa/Neubauer

Warum aber fließt oft so viel Wasser die Donau hinunter, bevor ein Pultstar hier den Walzertakt angibt? Laut Clemens Hellsberg, ehemaliger Orchestervorstand und Chronist des Klangkörpers, liegt das nicht etwa an einer philharmonischen Lust am Zuwarten. "Das Orchester muss das Gefühl haben, dass jemand einen Zugang zu dieser Musik besitzt und dass wir einen gemeinsamen Weg finden." Kurz, es geht hier auch um Sicherheit. Immerhin handelt es sich beim Neujahrskonzert um die globale Visitenkarte des Orchesters - und um einen Termin, der dem Dirigenten Strapazen aufbürdet: "Das liegt nicht nur am künstlerischen Teil, sondern auch am ganzen Drumherum. Die Interviews, die Aufnahmen, die gesamte Inszenierung. Da stürmt so viel auf den Dirigenten ein."

Karajan, der greise Debütant

Ein ganz besonders strahlkräftiger - und ergrauter - Dirigent debütierte 1987, nämlich Herbert von Karajan. Warum hat die Pult-Eminenz dieses Hochamt nur einmal ausgeübt? Für eine Antwort muss man im Geschichtsbuch zurückblättern. In den Jahren davor hatte das Konzert kaum einen Dirigentenwechsel gesehen: Ein ganzes Vierteljahrhundert hatte es Willi Boskovsky geleitet, mit der Geige in der Hand eine Art "Reminiszenz an Johann Strauß", wie Hellsberg sagt; im Anschluss führte Lorin Maazel sieben Jahre das Zepter. Dann die Zäsur: Die Philharmoniker entschlossen sich zum jährlichen Dirigentenwechsel, und sie begannen mit einem, "gegen den keiner etwas sagen konnte" - Karajan. Die bebende Stimme, mit der der 78-Jährige damals seine Grüße entbot, machte freilich klar: Einen weiteren Neujahrstermin würde er nicht mehr leiten.

Sternstunden und Rekorde

Gab es aber auch Debütanten, die im Philharmonikerkreis heiß umstritten waren? Hellsberg hält sich da eher bedeckt. Fakt sei jedenfalls: Die Musiker diskutieren die Frage gemeinsam, der Vorstand entscheidet auf dieser Basis. Dabei räumt Hellsberg ein, dass sich hie und da Bedenkenträger meldeten. Etwa bei Carlos Kleiber, ebenso berühmt für seine Sternstunden wie Absagen. Das Neujahrsdebüt des ergrauten Weltstars 1989 (gefolgt von einem weiteren Auftritt 1992) erwies sich dann aber als Strauß-Sternstunde. Auch ein anderer Charakterkopf gelangte spät, aber umjubelt zu Neujahr-Ehren: Nikolaus Harnoncourt. Der Verfechter eines schroffen Originalklangs, in den 80er Jahren noch nicht im besten Einvernehmen mit dem Orchester, konnte den Neujahrswalzern 2001 und ’03 ein Quantum seines Furors einhauchen. Den Rekord des ältesten Debütanten hält wiederum ein anderer - Georges Prêtre. Er leitete sein erstes Neujahrskonzert 2008 und brachte die Musik trotz eines damals schon biblischen Alters von 83 charmant zum Schwingen.

Verglichen damit, darf Thielemann nachgerade als Jungspund gelten. Ob seinem Auftritt am Dienstag weitere Wiener Neujahrstermine folgen? Man wird sehen. Die zugehörige CD, traditionell ein Bestseller, dürfte jedenfalls nicht in der Auslage verstauben.