Was wäre der Jahreswechsel ohne Beethovens monumentale Neunte mit ihrem Hohelied der Freude als triumphalem Abgesang und dem immer wieder neu nötigen Appell "Alle Menschen werden Brüder"? Heuer stand Andrés Orozco-Estrada am Pult der Wiener Symphoniker, der ab 2021 als deren neuer Chefdirigent auf Philippe Jordan folgen wird.

Wie die Apokalypse brach der in die Tiefe stürmende Dreiklangsgedanke über das Publikum am Silvesterabend hinein. Immer aufwühlender stürmten die auf der Stuhlkante spielenden Musiker in die Durchführung. Erste Lichtblicke kamen von den sanften Hörnern. Wunderbar aufgefächert folgte trotz des Drives das Scherzo, in dem Orozco-Estrada deutlich das kurze Aufblitzen des Lichts am Ende des Tunnels herausarbeitete. Friedvoll erklang der langsame Satz mit dem zweimaligen Anklingen des Freude-Motivs, in dem sich trotz des spürbaren inneren Drangs hin zum Licht eine innere Ruhe einstellte. Bevor dann die Musiker unterstützt durch die stimmstarke Singakademie (mustergültig vorbereitet von Heinz Ferlesch) und das Solistenquartett zum Finalsatz ansetzten. Florian Boesch mahnte etwas rau "Oh Freunde, nicht diese Töne!" beim letztmaligen Erklingen der Schreckensklänge. Auch sonst gab es schon markantere Solisten bei der Neunten (gut Regula Mühlemann und Steve Davislim, kaum hörbar Dorottya Láng).

Dramaturgisch perfekt lotste Dirigent Orozco-Estrada schließlich durch mächtige Klangkaskaden in den Prestissimo-Schluss, dessen Sog man sich nicht entziehen konnte.