Wien. Kein Stern leuchtet heller am Jungpianistenhimmel als der von Daniil Trifonov: Seit dem Sieg beim Tschaikowski-Bewerb 2011 scheint sich der Russe auf einer Nonstop-Tour rund um den Planeten zu befinden und bringt im Jahrestakt CDs bei der Deutschen Grammophon heraus. Im Wiener Musikverein huldigt er derzeit Sergei Rachmaninow: Am Samstag und Sonntag spielt der 27-Jährige mit den Wiener Philharmonikern das Vierte Klavierkonzert des Spätromantikers, am Montag widmet er sich in einem Kammerkonzert dem "Trio élégiaque". Ein Gespräch über ein Virtuosenleben.

"Wiener Zeitung":Das Cover Ihrer CD "Destination Rachmaninov" zeigt Sie in einem altmodischen Eisenbahnwagon - als wären Sie selbst der legendäre Tonsetzer, der als Klaviervirtuose Anfang des 20. Jahrhunderts durch die Welt reiste. Identifizieren Sie sich mit ihm?

Daniil Trifonov:Nein, das Cover sollte zu Rachmaninows Viertem Klavierkonzert passen, das ich auf dem Album spiele. Es ist sein unromantischstes Konzert, es vermittelt ein gutes Bild der Entstehungszeit. Man spürt die industriellen Elemente, die Rhythmen der Epoche. Wenn die Durchführung im ersten Satz beginnt, spielt die linke Hand Vorschläge, die die Musik wie eine beschleunigende Maschine klingen lassen. Rachmaninow war fasziniert von der Technik. Für seine Villa am Vierwaldstättersee wollte er das rasanteste Schnellboot der Zeit. Als es ihm nicht flott genug war, ließ er einen besseren Motor einbauen. Er hatte auch einen eigenen Eisenbahnwaggon, mit dem er auf Reisen ging und in dem ein Klavier stand. Den ließ er an die Züge anhängen.

Warum wurde dieses Werk kein Hit im Gegensatz zum Dritten Konzert?

Ein Grund war, dass es keinen sehr erfolgreichen Start hatte. Es überrascht mich, wie unsicher Rachmaninow manchmal sein konnte. Für den Kopfsatz des Dritten Konzerts hat er etwa zwei verschiedene Kadenzen geschrieben; er war nicht überzeugt, dass die große in die Gesamtstruktur passte. Für das Vierte Konzert brauchte er sehr lange, und er hat es dann selbst nicht oft gespielt. Am liebsten von seinen Klavierkonzerten mochte er übrigens das erste.

Sie selbst sind wie Rachmaninow ein Vielreisender. Wie oft sehen Sie Ihren Wohnsitz in New York?

Ich werde mich in der nächsten Saison bemühen, öfter daheim zu sein. In dieser Saison habe ich mehr Konzerte, als angenehm sind. Drei Wochen auf Tour empfinde ich als Maximum, das der Gesundheit noch nicht schadet; manchmal reise ich aber eineinhalb Monate am Stück.

Wachen Sie manchmal in einem Hotel auf und wissen nicht, in welcher Stadt Sie sind?

Oft. Manchmal glaube ich, ich bin noch in der vorigen Stadt der Tournee. Dann gehe ich in den falschen Stock und versuche, dort eine Tür zu öffnen.

Wie Rachmaninow spielen Sie nicht nur Klavier, sondern komponieren auch. Woran arbeiten Sie gerade?

Auch dafür möchte ich in Zukunft mehr Zeit haben. Ich habe zuletzt zwei Stücke von Rachmaninow für Solo-Klavier bearbeitet, die berühmte "Vokalise" und den ersten Satz des Chor- und Orchesterwerks "The Bells". Außerdem komponiere ich einen Liederzyklus auf Texte russischer Autoren.

In welchem Stil schreiben Sie? Romantisch, modern, zeitgenössisch?

Das lässt sich nicht gut sagen. Ich habe unlängst Klaviermusik des 20. Jahrhunderts erkundet, von Alban Berg, Béla Bartók, György Ligeti, auch Alfred Schnittke. Manches davon findet womöglich eine Erwiderung in meinem kompositorischen Tun.

Sie spielen nicht nur Soloabende und treten bei Orchesterkonzerten auf, wie das andere Klavierstars machen, sondern widmen sich auch der Kammermusik. Warum?

Die Arbeit mit einem Orchester ist für mich das vielleicht aufregendste, weil dies so sehr herausfordert; ein Solokonzert erfüllt mich emotional am meisten. Ein Kammerkonzert ist für mich die kommunikativste Form eines Auftritts, und es ist auch am wenigsten stressig. Kammermusik ist für mich fast wie ein Urlaub.

Apropos Stress: Manche Musiker tun sich schwer mit ihrem Ruhm, vor allem, wenn sie schnell populär geworden sind. Sie auch?

Ich widme dem nicht viel Aufmerksamkeit. Es gibt weiterhin viel Repertoire zu entdecken. Vielleicht passt es nicht zur Popularität, dass ich ein Faible für weniger bekannte Stücke habe. Aber ich liebe sie, also spiele ich sie.

Was tun Sie, wenn Sie jemand auf einer Party bittet, ein wenig Klavier zu spielen?

Zu solchen Partys gehe ich nicht.