Kostümtheater in der Anstalt: Lyonel (Ilker Arcayürek) wirbt um Lady Harriet (Kim-Lillian Strebel). - © Werner Kmetitsch
Kostümtheater in der Anstalt: Lyonel (Ilker Arcayürek) wirbt um Lady Harriet (Kim-Lillian Strebel). - © Werner Kmetitsch

Schon einmal Adolphe Adams "Postillon de Lonjumeau" auf der Bühne gesehen? Oder von Friedrich von Flotows "Martha" mehr mitbekommen als "Ach so fromm, ach so traut" und die "Letzte Rose" im Opern-Wunschkonzert? Die Dauerbrenner von einst sind nur noch theoretische Größen.

Flotows "Martha" hat sich in diesem Jahrtausend immerhin in die Wiener Volksoper verirrt (Aufführungen von 2003 bis 2006). Nun schmachtet Lyonel der über Nacht entschwundenen jungen Dame in der Grazer Oper nach. Eine Erweckung zu neuem Opernleben? Sagen wir vorsichtiger: Man stellt das Werk zur Diskussion.

Einer solchen ist die Musik allemal wert. Wie sich ein mecklenburgisch-vorpommerscher Krautjunker seinen Rossini aneignete, wie er ihn filterte durch manches, was er an Aktuellem in den 1830er und 1840er Jahren in Paris (wo der junge Mann studierte) aufgabelte - das ergab etwas sehr Eigenes. "Martha" ist wesentlich geschmeidiger als das deutsche Repertoire um Weber/Lortzing, aber eben auch keine italienische Romantik à la Donizetti. In Paris lernte man damals das "Internationale".

Samtige Ohrwürmer

Dass der Dirigent der Grazer Aufführung, Robin Engelen, manchmal das Orchester recht aufdreht und uns damit wohl zeigen will, dass Wagner auch nicht mehr so weit weg ist ("Martha" wurde 1847 im Wiener Kärntnertortheater uraufgeführt), bekommt der Sache nicht unbedingt. Es wäre ergiebiger, die Noten konsequenter in Richtung Rossini zu lesen. Worauf sich Flotow wirklich verstand: eingängige Gesangsmelodien von solistischen Holzbläsern in Terzen und Sexten gefühlig umschmeicheln zu lassen. Das hat er zelebriert und damit seine "Martha" deutlich abgesetzt vom italienischen Belcanto.

Das alles will freilich auch gesanglich überzeugend bewältigt sein. Der Tenor Ilker Arcayürek hat seine Stärken eher im metallischen Strahlen - und das ist’s, was die Partie des Lyonel am allerwenigsten braucht. Nicht nur, wenn er zärtlich-verzweifelt der entschwundenen Martha nachschmachtet, kam der Sänger bei der Premiere am Samstag in der Höhe in allerhöchste Not. Kim-Lillian Strebel ist Lady Harriet: Tadellos in den Koloraturen, anstellig in der Lyrik, aber gerade in der "Letzten Rose" stilistisch so gar nicht geführt oder unterstützt vom Dirigenten. Für diese Rolle bräuchte es insgesamt stringentere Kontur. Deutlich bessere Karten (und selbstbewusstere Gestaltung) zeigt das "niedere Paar", Anna Brull (Nancy) und Peter Kellner (Plumkett). Meriten hat die Aufführung in den gar nicht so wenigen, sorgsam tarierten Quartettszenen. Mehr als ein Stichwortbringer ist Wilfried Zelinka als Lord Tristan.

Was tun mit dem eigenartigen Libretto, in dem bemerkenswerte Ironie mit einer banal-ungereimten Handlung kollidiert? Lady Harriet und ihre Hofdame beschließen, sich gegen die Langeweile am Hof unters Volk zu mischen, verdingen sich aus Jux auf dem Markt in Richmond als Mägde und landen unversehens tatsächlich auf dem Hof von Lyonel und Plumkett. Dort werden sie zwar von Lord Tristan befreit, aber die beiden Männer, die Handgeld für die Damen bezahlt haben, sind zweifellos im Recht und verlangen nach diesem. Die hochmütige Harriet lässt Lyonel dafür gar in die Klapsmühle bringen . . .

Verlegt in die Psychiatrie

Regisseur Peter Lund formatiert das um: Das Volk von Richmond sind die Insassen von Bedlam (also des Londoner Bethlem Royal Hospital). Die Geisteskranken dort dürfen auch Theater spielen. Adelige Gönner besuchen die Anstalt, so kommen Harriet und Nancy auf die Idee, mitzumachen. Das höfische Leben überzeichnet Peter Lund grell, in der geschlossenen Anstalt stellt der darstellerisch sehr geforderte Chor Bilderwelten à la William Hogarth nach. So bekommt die Spieloper einen ungewohnt düsteren, sozialkritischen Touch. Ein wirkliches Happy End lässt der Regisseur nicht zu und offen, ob Harriet und Lyonel ein Paar, ein glückliches gar, werden.

Fazit: Die Verlegung in die Barock-Psychiatrie ist auch nicht viel glaubwürdiger, aber auch nicht lächerlicher als die Handlung am Originalschauplatz. Das Ummodeln der "Martha" hatte ja schon immer seine Tücken. Nestroy hat es ein Jahr nach der Uraufführung in Wien mit "Martha oder Die Mischmonder Markt-Mägde-Miethung" versucht - diese Parodie war nach genau drei Aufführungen im Carl-Theater passé.