Das Verzeichnis von Tschaikowskis Orchesterwerken ist lang. Auf dem Gebiet der Symphonik schuf der Russe sechs Kompositionen, von denen im heutigen Konzertleben meist nur die letzten drei zu hören sind. Im Wiener Konzerthaus präsentierten Valery Gergiev und das Mariinski Orchester jüngst alle Symphonien; an drei Abenden in Folge spielten die russischen Gäste je eine bekannte und eine weniger bekannte.

Den Grundstein für seine Zweite Symphonie legte Tschaikowski im Sommer 1872 während eines Aufenthalts auf dem Gut seiner Schwester Alexandra im heute ukrainischen Kamenka. Bereits der Titel "Kleinrussische" verweist auf das nationale Sujet und die Nutzung von Volksliedern; die Symphonie beginnt mit einer schwermütigen Einleitung, der das Volkslied "Drunten bei der Mutter Wolga" zugrunde liegt; das Hauptthema des Finalsatzes entstammt dem Tanzlied "Der Kranich". Die Fünften Symphonie wiederum gilt weithin als in Töne gesetztes Selbstporträt des hochsensiblen Komponisten.

Flatternde Hände

Dieses Meisterwerk, durchzogen von einem "Schicksalsmotiv", geriet dann auch zum Highlight des Mariinski-Konzerts vom Sonntag. Berückend schön der zweite Satz mit dem Solo-Horn, das sich wie ein Lichtstrahl ausnahm. Tadellos und unerschrocken glänzten die Bläsersolisten, blitzblank wirkte das Blech, die Streicher tönten homogen, die Kontrabassisten ausnehmend agil. Valery Gergiev werkte wie gewohnt mit flatternden Händen und inwendiger Glut. Große Begeisterung, und doch knapp am Herz vorbei.