Grundsätzlich gilt: Man kann Glenn Gould immer hören. Außer man befindet sich unmittelbar vor dem Klavierkonzert eines anderen Pianisten. Damit stellt man diesen nämlich vor die meist unbewältigbare Aufgabe, mit ihm mitzuhalten. Gerade bei Bachs Fugen hat Gould nämlich gezeigt, wie man es in Sachen Kontrapunkt machen kann. Und davon, also Fugen, gibt es an diesem Abend im Konzerthaus eine ganze Menge in Bachs "Wohltemperiertem Klavier" und Beethovens "Diabelli-Variationen". Der Pianist heißt Piotr Anderszewski. Und er macht auch einiges richtig, oder zumindest nicht ganz falsch. Die Schwierigkeit, die linke Hand nicht in eine Begleiterscheinung übergehen zu lassen, sondern ihr eigenständiges Leben einzuhauchen, meistert er (meistens) passabel. Klar sein Ausdruck, gleichmäßig sein Spiel. Er bewegt sich im Rahmen des Wohlproportionierten und verleiht seinem Spiel einiges an Eleganz.

Beethovens Diabelli-Variationen bieten dann eine Projektionsfläche für vielerlei an Gefühl. Die ganze Palette des pianistischen Ausdrucks wird in ihnen vereint, sie leben von den darin aneinandergereihten Gegensätzen. Forsche Virtuositätsmomente stehen neben sanften Punkten der Besonnenheit. Anderszewski oszilliert zwischen Brachialem und lyrisch Ausgeruhtem. Majestätisch und elegant zeigt er sich vor allem in den langsamen Variationen, edel und bedeutungsschwer etwa im Grave. Dass die Lautstärkeverhältnisse zwischen den zwei Händen - vor allem eben in den Fugen - stellenweise unverhältnismäßig erscheinen, daran mag Gould mit schuld sein. Aber wenn man den großen Saal füllen will, muss man sich wohl oder übel mit den ganz Großen messen.

Konzert

Piotr Anderszewski (Klavier)

Konzerthaus