Sein Todestag jährt sich am 8. März zum 150. Mal: Komponist Hector Berlioz (1803-1869). - © Everett Collection/picturedesk.com
Sein Todestag jährt sich am 8. März zum 150. Mal: Komponist Hector Berlioz (1803-1869). - © Everett Collection/picturedesk.com

". . . ohne es zu bemerken, versuchte ich Sie nachzuahmen, Sie, den unnachahmlichen Ironiker. Das soll mir nicht wieder begegnen. Ich habe bei unseren Gesprächen zu oft bedauert, Sie nicht zum ernsten Stil nötigen, noch die krampfhafte Bewegung Ihrer Krallen selbst in denjenigen Augenblicken verhindern zu können, wo Sie am besten Samtpfötchen zu machen glaubten, Sie Tigerkatze, die Sie sind."

Der Adressat dieses Briefes, der Nachgeahmte, der nicht zum Ernst genötigt werden kann, ist niemand Geringerer als der in Paris lebende Heinrich Heine, dem der "Nachahmer" Hector Berlioz diese Zeilen widmet. Das Schreiben ist Teil einer Reihe von fiktiven Briefen, geistige Früchte seiner Deutschlandreise von 1843.

Doch nicht nur in fiktiver Weise verkehrten Berlioz und Heine miteinander. Das Heine-Archiv in Düsseldorf erwarb im Vorjahr zwei Briefe Heines an den Musiker, die bis dato in keiner Anthologie zu finden sind. In dem mit 14. August (vermutlich 1855) datierten Brief erbat Heine ein Treffen mit Ber-
lioz, das ihm, ein halbes Jahr vor seinem Tod, äußerst wichtig zu sein schien: "Mein lieber Berlioz! Vergessen Sie Ihren Freund nicht, den armen beinlosen Krüppel und wenn Ihre Wege Sie in der Nähe der Avenue Matignon (Nr. 3) vorbeiführen, machen Sie sich doch die Mühe, bis an mein ärmliches Bett heraufzusteigen, wo ich Sie baldestmöglich erwarte. Ich habe Ihnen mehrere Sachen zu sagen. Ihr ganz und gar aufopferungsvoller Henri Heine." Was der an beiden Beinen gelähmte Dichter dem Komponisten zu sagen hatte, entzieht sich unserer Kenntnis.

Gigantomanisches Werk

In der von Heine so genannten "Matratzengruft" schuf dieser noch einige Spätwerke und nahm Kompilationen früherer Texte vor. So trug er seine bis dahin verfassten Konzertberichte unter dem Titel "Lutetia" zusammen. Unter der Rubrik "Musikalische Saison von 1844" findet man den Versuch einer Annäherung an die Musik des Hector Berlioz: "Hier ist ein Flügelschlag, der keinen gewöhnlichen Sangesvogel verrät, das ist eine kolossale Nachtigall, ein Sprosser von Adlersgröße, wie es deren in der Urwelt gegeben haben soll. Ja, die Berliozsche Musik überhaupt hat für mich etwas Urweltliches, wo nicht gar Antediluvianisches, und sie mahnt mich an untergegangene Tiergattungen, an fabelhafte Königtümer und Sünden, an aufgetürmte Unmöglichkeiten, an Babylon, an die hängenden Gärten der Semiramis, an Ninive (. . .)"

Das Gigantomanische in Ber-
lioz’ Werk beschränkt sich durchaus nicht auf Interpretationen durch wortgewandte Dichter. Sowohl in seiner Selbstpositionierung als romantische Künstlerfigur als auch in seinem musikalischen und literarischen Schaffen bediente er ein den normalen Maßstab Sprengendes, Geniales als richtungweisende Autorität. Obwohl diesem Prinzip jede Überhöhung selbst noch zu konventionell erscheint, benötigt speziell eine solche "Adlersgröße" zu ihrer Rezeption einen Referenzrahmen, und diesen bilden für Berlioz vor allem bestimmte Dichter der Weltliteratur und deren Meisterwerke.