Der Termin war schon lange rot angestrichen im Kalender: Jewgenij Kissin zu Gast im Wiener Musikverein. Seit Jahrzehnten begeistert der weltberühmte Pianist das Publikum. Für viele ist seine Karriere untrennbar mit dem legendären Herbert von Karajan verbunden. Wir erinnern uns an dessen "Genie"-Sager zu Kissins Mutter über das einstige Wunderkind. Ein ganz spezieller Nimbus umweht diesen exzeptionellen Künstler. Auch nach seinem jüngsten Auftritt bedankte sich die begeisterte Zuhörerschaft bei Jewgenij Kissin mit stehenden Ovationen.

Was kann Klassikliebhabern Besseres passieren, als nach einem Recital voll mit Musik und ungeheuer viel Diskussionsstoff nach Hause zu gehen? Was für eine herrlich klare Phrasierung bei den drei eröffnenden Nocturnes von Chopin. Aber warum wählte er diese beinahe stumpfe Farbe im Diskant? Lässt sich Robert Schumanns f-Moll-Sonate, op. 14 schlüssiger durchdringen, famoser präsentieren? Wohl kaum. Täte einigen ("La cathédrale engloutie", "Feux d’artifice") der ausgewählten Préludes von Claude Debussy nicht doch etwas mehr geheimnisvolle Hintergründigkeit gut? Sollte das "Prestissimo volando" der berauschenden Fis-Dur-Sonate von Alexander Skrjabin nicht eine Spur leichtfüßiger wirken? Herrlich, wenn ein Konzert zum Nachdenken anregt. Wenn Musik zum Thema wird.

Wunderbar der vom Pianisten anmoderierte Zugabenblock mit einer herb-süßen "Träumerei", einem entzückenden "Golliwogg’s Cakewalk", einem unübertrefflichen Chopin-Walzer und einer Eigenkomposition von Kissin, einem "Dodekaphonischen Tango".