Der Plattenverkäufer ist ein geprüftes Wesen. Mit den Streaming-Plattformen im Nacken und dem nächsten Sparpaket vor Augen, arbeitet er einerseits auf einem Krisengebiet. Andererseits, und das war schon immer so: Er weiß so ziemlich alles über Musik, der Käufer oft nichts. Diese Wissenskluft kann Verdruss bereiten. Es ist schon länger her, da hat sich dieser Frust in einem Innenstadt-Geschäft einmal richtig entladen. Ein Kunde, eben aus dem Geschäft verschwunden, hatte nach einem "attraktiven" Cellokonzert verlangt. "Was bitte", zürnte der Spezialist danach, "soll ein attraktives Cellokonzert sein!?"

Es gibt Musik, auf die dieses Wort allerdings durchaus passt. Etwa auf die von Gabriel Fauré (1845-1924). Der Mann mit der romantischen Klangsprache und dem impressionistischen Akzent hat Musik von hohem Liebreiz hervorgebracht. Ein Musterbeispiel ist sein Klavierquartett in c-Moll. Die Musik wirkt noch da entspannt, wo sie Tempo und Lautstärke gewinnt, auf einen Gipfelpunkt zusteuert. Fauré, der "französische Schumann", ließ seine Melodien mühelos strömen; Bombastik war ihm fremd, auch jene Parfümiertheit, die manche anderen Franzosen pflegten.

Eine grazile Einspielung kommt vom deutschen Flex Ensemble. Die vier aus Hannover lassen die Musik uneitel und delikat dahinfließen. Ein Seelenbalsam, der das Ohr durch unverhoffte Akkordwendungen beschäftigt. Ebenso sinnlich und glitzernd schwebt einem auf diesem Album Ravels "Ma Mère l’Oye" (in einer Fassung für Klavierquartett) entgegen. Dazwischen ein Projekt, das nicht so recht aufgeht, nämlich französische Chansons ohne Gesang in dissonanzreichen Arrangements. Die besitzen aber zuweilen Witz. Und das Album ist ohnehin mit genug Attraktionen gesegnet.

Anmutige Romantik beschert auch ein Album, das an sich nicht danach aussieht, huldigt es doch einem mexikanischen Komponisten namens José Rolón (1876-1945). Der war aber zutiefst von Frédéric Chopin geprägt und hatte bei einem Studienaufenthalt in Paris auch einen Hauch von Claude Debussy in sich aufgesogen. Zurück in Mexiko, arbeitet Rolón dem Musikleben nicht nur als Lehrer und Impresario zu, sondern auch durch Eingängiges aus eigener Feder; nach einem weiteren Europa-Aufenthalt versuchte er, Béla Bartóks Mix aus Folklore und Moderne für das mexikanische Terrain fruchtbar zu machen. Mag sein: Ein Genie war dieser Rolón nicht, eher ein Mann aus dem kreativen Mittelbau. Dennoch kann man seinen Ohren deutlich Schlechteres zumuten als diese Klavier-Charakterstücke, die die Mexikanerin Claudia Corona mit zarter, im rechten Moment aber auch zupackender Hand in die Tasten setzt.