Stünden einem für diese Konzertkritik nur wenige Worte zur Verfügung, es kämen die Ausdrücke "authentisch" und "ungeschönt" zur Anwendung. Im Grunde geht es sogar noch kürzer: "Ehrlichkeit" reicht vollkommen aus, um Simon Keenlysides Liederabend zu beschreiben.

Erlebnisse dieser Art sind rar im heutigen Musikbetrieb. Hand aufs Herz: Ein Mensch aus Fleisch und Blut auf der Bühne berührt tausend mal mehr als ein perfekter Musikautomat. Bauernmarktapfel versus Supermarktexemplar: Beides probiert, kein Vergleich. Der Abend im Mozart-Saal des Konzerthauses war jedenfalls nichts für die Verfechter einer glatten Oberflächlichkeit - auch makellos war er nicht. Ja, es ist immer wieder einmal etwas passiert bei diesem Auftritt. Töne blieben weg, Textzeilen wurden vergessen. Unbedeutend in Anbetracht der Intensität, Liebenswürdigkeit, Wortdeutlichkeit und Erzählkunst von Simon Keenlyside. Kostbares von Franz Schubert und Hugo Wolf, Seltenes von Francis Poulenc und englische Lieder hatten der Bariton und sein Pianist mitgebracht.

Überreich beschenkt

Malcolm Martineau bewies einmal mehr seine unangefochtene Klasse. Souverän, klangsinnlich, aufmerksam und stets zur Stelle. Rauschende Bächlein, rieselnde Quellen und das glänzende Meer schienen bei seinem Spiel zum Angreifen nahe. "Ich nehme nicht, ich pflege nur zu geben", heißt es in Schuberts Lied "Freiwilliges Versinken" nach Johann Mayrhofer. An diesem Abend wurde das Publikum mehr als reichlich beschenkt.