Mehr als 20 Jahre zählt Valery Gergiev nun schon zu den Vielfliegern der Dirigentenzunft. Dabei rast der Mann mit dem Faible für kurze Taktstöcke ebenso unermüdlich durch die Weltgeschichte wie durch die Partiturseiten. Wie viele Werke der Chef des Mariinski-Orchesters oft in kurze Zeiträume presst, sucht seinesgleichen - es weckt aber auch Skepsis.

Fragen, die am Samstag im Musikverein in den Hintergrund traten. Da begann der Russe ein zweitägiges Gastspiel mit den Münchner Philharmonikern, die er seit 2015 ebenfalls leitet, und es ereignete sich Solides. Stimmt zwar: Das Erste Klavierkonzert von Tschaikowski tönt einem in dieser Wiedergabe, gerade im Kopfsatz, weitgehend am Herzen vorbei. Dennoch begrüßenswert, wenn sich ein Dirigent hier nicht in suppigem Pathos verliert. Jubel ohne Wenn und Aber für Rudolf Buchbinder: Er meistert den Klavierpart unaufgeregt und erzielt delikate Klangschönheit.

Mehr Eindruck hinterlässt die zweite Konzerthälfte, die Schostakowitschs Fünfter Symphonie gilt: Der Sowjetkünstler hatte sich damit 1937 nach einer herben Stalin-Schelte rehabilitiert. Waren diese Töne prosowjetisch gemeint - oder bezweckten sie das Gegenteil? Gergiev leistet ihnen jedenfalls vorzügliche Dienste. Er meidet das Extrem, nützt straffe Tempi und erschließt die Spannungsbögen eines Werks, in dessen bizarren Märschen und Soli sich schon so mancher Dirigent verloren hat. Mag sein, dass die Münchner bisweilen ein wenig die Pointiertheit schuldig bleiben; dennoch ein bestechendes Plädoyer für Schostakowitsch.