Wien. Die Spatzen pfeifen es seit Wochen von den Kulturtempeln der Stadt, nun ist es offiziell: Der nächste Intendant des Wiener Musikvereins heißt Stephan Pauly. Der Deutsche soll die weltberühmte Klassik-Institution, die alljährlich eine Rekordfülle an Gastorchestern aufbietet, im Juli 2020 übernehmen; Thomas Angyan wird dann nach 32 Jahren von der Leitung zurücktreten.

Weitere Details sind vorerst unbekannt: Die Gesellschaft der Musikfreunde in Wien, Trägerverein des Konzerthauses am Karlsplatz, verlautete am Dienstag nur, dass Pauly am 8. April als nächster Intendant vorgestellt wird. Die Organisation hat im Vorfeld aber keinen Zweifel daran gelassen, sich nach Kräften um den Kölner zu bemühen: In einem ungewöhnlichen Schritt legte der Verein im Februar offen, Verhandlungen mit Pauly zu führen.

Der 47-Jährige könnte dem Haus durchaus gut zu Gesicht stehen. Seinem Lebenslauf nach versteht es Pauly, einen Hauch von Erneuerung in altehrwürdige Institutionen zu tragen, ohne deren angestammte Qualitätssäulen ins Wanken zu bringen.

Über die Genre-Grenzen

Nach seinen Studienjahren - Philosophie, Theologie sowie Theater- und Opernregie - arbeitete Pauly für den Bayerischen Rundfunk, war auch als Regieassistent tätig. Das Management lernte er über die Beratungsagentur McKinsey kennen, betreute für sie unter anderem ein Orchester. Im Jahr 2002 dann der erste Chefposten von Prestige: Pauly übernahm die künstlerische Leitung der Internationalen Stiftung Mozarteum, 2004 auch die wirtschaftliche Führung. Der neue Chef ergänzte das Kern-Event der Stiftung - die Salzburger Mozartwoche - um zeitgenössische Kunst. Auch ein neues Festival rief er ins Leben, nämlich die Dialoge. Die finden weiterhin jährlich an der Salzach statt und mühen sich, dem Werk des Genius loci zeitgenössische, interdisziplinäre Antworten gegenüberzustellen.

"Salzburg hat mir die Ohren geöffnet, ich habe hier viel gelernt, bin sensibler geworden und verstehe jetzt mehr von Musik", resümierte Pauly im Jahr 2012 in Salzburg, damals am Sprung zu seiner nächsten Karrierestation: Seit dem Jahr bespielt er die Alte Oper Frankfurt, die entgegen ihrem Namen als (weitgehend) klassisches Konzerthaus betrieben wird. Paulys Engagement reicht dabei über die Gebäudewände hinaus: Das Projekt "One Day in Life", gemeinsam erarbeitet mit Star-Architekt Daniel Libeskind, brachte einen Tag lang Musik aller Stilrichtungen an 18 Orte der Stadt. Zuletzt wagte Pauly einen Blick über den Tellerrand mit Marina Abramović: Der Performance-Weltstar hielt einen Abend der Achtsamkeitsübungen ab, um "die Regeln und Normen des klassischen Konzertbetriebs außer Kraft" zu setzen.

Sollen solche Brüche auch im Musikverein Raum greifen - zumal die Stadt mit dem Wiener Konzerthaus bereits ein Haus der Vielfalt besitzt? Die Grundausrichtung am Karlsplatz, sagte Musikfreunde-Präsident Johannes Stockert im Herbst zur "Wiener Zeitung", soll sich nicht ändern. Einige neue Facetten dürfte die Personalie Pauly jedoch garantieren.