Dass Filmplots aus Legenden geboren werden, ist durchaus keine neue Erkenntnis. Nur entfernt sich die von Leo Slezak verkörperte Film-Figur vollends von dem Stellenwert Suppès innerhalb der Wiener Operette, der weit über die Rolle eines akklamierenden Nebendarstellers hinausreicht. Die Geburtsstunde dieses Genres wird nämlich - im allgemeinen Konsens der Operettenwissenschaften - 14 Jahre vor der "Fledermaus"-Premiere angesetzt: Am 24. November 1860 wurde, ebenfalls im Theater an der Wien, "Das Pensionat" zum ersten Mal gegeben, mit der Musik des seit 1845 als Theaterkapellmeister und Komponist an diesem Haus tätigen Franz von Suppè.

Dieses Werk lässt zwar als eines seiner Inspirationsquellen Donizettis "La fille du régiment" erahnen, die Suppè am 13. Juni 1844 im Theater in der Josefstadt, unter dem Titel "Marie, die Tochter des Regiments", dirigiert hatte. In beiden Stücken nämlich gehen die vor der Autoritätsperson dargebrachten Gesänge, besinnliche oder geistliche, allmählich über in Lieder, die der eigenen Befindlichkeit entspringen: Aus der Regimentstochter, die für die Marquise von Berkenfield ein besinnliches Lied singen soll, brechen die militärischen Gesänge aus deren Kindheit hervor, und Amalie, ein Mädchen des Pensionats, singt nach einem allgemeinen Gebet ein "frivoles" Lied: "Wenn in des Mondes bläulichem Schimmer sich Dolorita zeigt am Balkon". Obendrein stört im Folgenden eine Gruppe von Pensionatsmädchen das Liebesduett der Protagonisten Karl und Helene.

Hinsichtlich der formalen Gestaltung und des Handlungsverlaufs zeigt sich aber, dass "Das Pensionat" eine erste lokale Antwort auf das Œuvre Jacques Offenbachs darstellt, das sich im Wien der 1850er Jahre immer größerer Beliebtheit erfreuen konnte. Einen Monat vor der Suppè-Premiere erlebte im konkurrierenden Carl-Theater der Offenbach-Einakter "Ba-ta-clan" seine Wiener Erstaufführung. In beiden Werken gerät ein durchaus übersichtliches Sozialgefüge ins Wanken: Ist es in der Offenbach-Operette das eines kleinen Fantasiestaates, der durch eine neu eingeführte Kunstsprache herausgefordert ist, so werden bei Suppè "nur" die vorgegebenen Moralvorschriften von den Mädchen des Pensionats allzu gerne übergangen.

Vorbild Offenbach

Doch auch innerhalb dieses Themenbereichs belegbarer Aufführungsdaten machen sich Legenden breit: In einem Artikel der einstmals vorbildlichen, in späteren Jahren ein wenig an Qualitätseinbruch leidenden "Österreichischen Musikzeitschrift" (ÖMZ) steht zu lesen, dass als Vorbild für Suppès "Pensionat" die opéra comique "Vert-Vert" von Jacques Offenbach gegolten hätte. Dazu sollte angemerkt werden, dass dieses Offenbachsche Bühnenwerk 1869, also neun Jahre nach Suppès Operetten-Erstling, auf die Bühnen kam. Hier scheinen der Begriff der Legende und jener der Desinformation miteinander in Streit über die Deutungshoheit zu gelangen.

Nachdem Suppè am 12. Mai 1862 die Wiener Erstaufführung von Offenbachs Operette "Die Seufzerbrücke" ("Le pont des soupirs") im Theater am Franz Josefs Kai (am heutigen Morzin-Platz, an dessen Stelle später die GESTAPO ihr Hauptquartier einrichtete) geleitet hatte, soll ihm Offenbach persönlich gratuliert haben. Dass Suppè obendrein das Stück um vier Nummern erweitert hat, macht die Gratulation des französischen Meisters noch virulenter. Durch Quellen belegbar ist diese Ehrerbietung nicht.