Doch beschränken sich die Legendenbildungen um Franz von Suppè keineswegs auf die narzisstischen Intentionen eines Willi Forst - der in seinem Film den aus totalem Konkurs heraus resultierenden Selbstmord Franz Jauners konsequenterweise ausspart - und ebensowenig auf Blumigkeiten der ÖMZ. Denn auch direkt aus Suppès tradierter Biographie treten uns Legenden entgegen, die erst vor kurzer Zeit durch den Germanisten Andreas Weigel, den wohl akribischsten Suppè-Forscher, enttarnt werden konnten, speziell in Bezug auf die Familie des am 18. April 1819 im dalmatinischen Split geborenen Komponisten. Diese war noch im selben Jahr nach Zadar (Zara) übersiedelt, wo sie die nächsten 16 Jahre leben sollte.

Ehrgeiziger Großvater

In Bezug auf den darauffolgenden Ortswechsel nach Wien kann man in der 1977 erschienenen Suppè-Biographie des DDR-Dramaturgen und Operettenregisseurs Otto Schneidereit Folgendes lesen: "Die Mutter sah keine Notwendigkeit, länger in Zara zu bleiben. Sie stammte aus Wien, dort lebten Verwandte von ihr, sogar noch ihr Vater, und sie beschloß, für immer nach Wien zu übersiedeln. [. . .] Der Vater der Mutter, Suppès Großvater Landovsky, war Beamter an der ,K. K. Theresianischen Ritterakademie‘ [. . .]. Begreiflich, daß Großvater Landovsky [. . .] mit seinem Enkel große Pläne hatte. Er kam auf die Idee, Franz müsse Medizin studieren. Franz sträubte sich erfolgreich und setzte durch, daß er Musik studieren durfte."

Bereits 1941 erging sich der von der Aura des Nationalsozialismus durchaus umwehte Biograph Julius Kromer hinsichtlich des ehrgeizigen Großvaters in hymnischen Tönen: "In Wien erwartete sie Großvater Landowsky mit Ungeduld, hatte er doch seine Tochter seit vielen Jahren nicht mehr gesehen und seinen Enkel kannte er überhaupt noch nicht."

Wie Andreas Weigel bei seinen Recherchen aufdeckte, konnte Großvater Landovsky, der eigentlich "Jandovsky" hieß (ein seit Jahren vom verdienten Suppè-Forscher Vladimir Haklik reklamierter Transkriptions-Fehler, der bereits beim ersten Suppè-Biographen Otto Keller 1905 aufscheint), für seinen Enkel keine großen Pläne schmieden, weil er bereits am 21. Februar 1803 verstorben war, den späteren Komponisten also nie persönlich kennenlernen konnte.

Landsitz in Gars

Es existieren aber noch andere Besonderheiten im Leben Suppès, die einen gewissen Legenden-Charakter erahnen lassen, quellenmäßig jedoch klar und deutlich zu belegen sind. Eine davon lässt sich auf seinem Landsitz in Gars am Kamp lokalisieren, den er im Sommer 1879 aufgrund der Tantiemen aus "Fatinitza" (1876), sowie seinem längstlebigen Werk, "Boccaccio" (1879), erstehen konnte. In diesem Domizil führte er ein Notizbuch, und darin findet sich ein zeitlich genau ausgetüftelter Rasierplan: "Monatliche Rasier-Tage in Gars. 1. 4. 7. 10. 13. 16. 19. 22. 25. 28. - Im Februar, bei gemeinen Jahren, entfällt der 28., während bei Schaltjahren wird er gehalten. Jeder 31te, gleichviel in welchem Monat, entfällt gänzlich." Hätte Willi Forsts Streifen doch noch einen anderen Verlauf genommen, wenn der Regisseur diesen Ausschnitt gekannt hätte?

Zum diesjährigen 200. Geburtstag des Komponisten ist in Gars am Kamp eine von Andreas Weigel und dem lokalen Kulturpublizisten Anton Ehrenberger kuratierte Ausstellung in Planung, die am 7. Juni eröffnet wird. Gezeigt werden die Exponate jedoch nicht in einem von Suppè im Lauf der Zeit erworbenen vier Garser Häusern, sondern im 1883 erbauten Zeitbrücke-Museum.