Es gibt Besetzungen, die lösen Befremden aus. Kann das denn gut gehen - wenn sich Tom Cruise den Mantel des Grafen von Stauffenberg überzieht? Wenn sich Jim Carrey im tragischen Fach erprobt? Oder wenn TV-Knuddelbär Jason Segel einen Film lang recht grimmig dreinsieht? Natürlich: Das alles muss nicht an grober Unglaubwürdigkeit scheitern. Es wird vorab aber mit einem Misstrauensvorschuss bedacht.

Den zieht auch die neue CD von Khatia Buniatishviliauf sich. 1987 geboren, hat sich die Georgierin den Ruf einer rasenden Tastenlöwin erspielt. Kein Stück, dem ihre Wuchtpranken nicht gewachsen wären. Kein Abend, an dem sich ihr Ungestüm nicht irgendwann Bahn bräche. Nun hat sich Buniatishvili aber ein Werk vorgeknöpft, das als Refugium der Klavier-Grübler gilt: die letzte Sonate von Franz Schubert, D 960. Rund 45 Minuten dauert sie und prüft den Spieler: Hier gilt es, besonders tragfähige Spannungsbögen zu formen. Auch muss sich der Pianist durch fragwürdigen Weihrauch kämpfen: Die B-Dur-Sonate ist immer wieder zu Schuberts Schwanengesang verklärt worden, sie gilt als wehevoll, wundersam, weltabgewandt. Krystian Zimerman hat dieser Sichtweise eine Absage erteilt: Seine Einspielung aus dem Jahr 2017 (DG) ist handfest, kompakt und bietet den berüchtigten Mollabgründen doch genug Ahnungsspielraum.

Buniatishvili drängt dagegen ins Extrem. Die Tempi wählt sie bevorzugt an den Außenrändern des Metronoms und übersteigert Schuberts Spiel von Licht und Schatten zu einem Endkampf der Elemente. Bald wird das Klanggeschehen dämonisch aufgepeitscht, bald stellt sich ein meditativer Stillstand ein und wird mit Pedalnebeln umfriedet. In Summe ist das ein aufwühlendes, ereignisreiches Konvolut. Aber kein stimmiges Ganzes.

Das gelingt Buniatishvili auf kurzer Strecke viel besser. Seltsam, aber: Mit dem Beginn von Schuberts vier Impromptus D 899 haben die Fisimatenten ein Ende. Es stellt sich ein Spielfluss ein, der wechselnde Emotionen geschmeidig trägt. Auch heftigere Wellen kräuseln sich hier, treten aber nicht über die Ufer des Maßvollen. Eine Fusion aus Leidenschaft und Eleganz.

Anastasia Kobekina hat ihre Zeit nicht vertändelt. Nur ihre ersten vier Lebensjahre verbrachte die Frau aus Jekaterinburg ohne Cello, in den nachfolgenden 20 ist sie die Karriereleiter hochgeklettert: Die Russin, bereits zu hören mit den Wiener Symphonikern und auch unter der Dirigentenhand von Valery Gergiev, zieht Wettbewerbspreise magnetisch an. Die CD beweist, warum: Kobekina brilliert im Ersten, schnittigen Cello-Konzert von Dmitri Schostakowitsch mit Furor, Phrasierungssinn und Nanopräzision. Klänge das Orchester nicht gar so kleinlaut, die Freude wäre ungeteilt.