Er sei der "größte Pianist der Welt", hieß es jüngst wieder einmal. Das stimmt in einem gewissen Sinn. Welches Werkzeug fällt den meisten Menschen spontan ein? Vermutlich ein Hammer. Welche Farbe? Wohl rot. Und was für ein Klassik-Pianist? Lang Lang.

Der Chinese ist zum Weltmarktführer unter den Pianisten aufgestiegen, zum Virtuosen vom Dienst bei Fernseh-Events wie einer Olympia-Eröffnung oder Grammy-Gala. Dabei fasziniert er nicht nur durch eine Fingerfertigkeit, die selbst schwerste Konzertbrocken wie Frühstücksgegner aussehen lässt. Auch seine Aura spielt mit: Der Mann mit den Glitzersakkos und dem sanften Blick wirkt wie der kleine Prinz der Pianistenzunft - ein Zauberkind, das auf den Schwingen seiner Träume zum Karrieregipfel geschwebt ist. Dazu passt eine alte Anekdote: Immer wieder erzählt Lang Lang, wie er als Kind eine Folge von "Tom und Jerry" gesehen hat und ihn der klimpernde Kater für die Tasten begeisterte. "Du musst nur wollen!", lautet die frohe Botschaft hinter diesem Superstar, und sie befeuerte nicht nur seine Karriere, sondern angeblich ganze Heerscharen von Kindern: 40 Millionen junge Chinesen eifern ihm nach, hieß es einmal.

Heute spielt Lang Lang selbst Jugendstücke. Das ist kein Scherz: "Piano Book", die neue CD des Chinesen, ist ein Sammelsurium an Klassenabend-Melodien, von "Für Elise" bis Bachs C-Dur-Präludium. Das wirkt ungefähr so seltsam, als würde Felix Baumgartner plötzlich seine Freude am Sackhüpfen entdecken.

Im Fall von Lang Lang hat der Wechsel einen traurigen Grund: Der Vielbeschäftigte hat sich im März 2017 eine Sehnenentzündung in der linken Hand zugezogen und musste 15 Monate lang die Bühnen meiden. Die Rückkehr vollzog er behutsam: Statt sich im Jahr 2018 durch Tschaikowskis Erstes Klavierkonzert zu pflügen, disponierte er auf Mozart um. Dieser zarten Gangart bleibt er auch auf der CD "Piano Book" treu: Im Vorjahr aufgenommen, ist sie eben bei der Deutschen Grammophon erschienen - und hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck.

Freilich beweist es Wagemut, dass Lang Lang allem Effektbrimborium abschwört, um eine Sammlung von Kleinoden leuchten zu lassen - so recht fruchtet es aber nicht. Die Musikschulklassiker plätschern oft blass dahin, mitunter auch zähflüssig wie Schuberts "Moment musical" in f-Moll und Debussys "Clair de lune". Lang Lang verzichtet auf Extravaganzen, bietet aber auch kaum Gestaltungskraft auf - und bleibt so meilenweit entfernt von der Pianistenmagie eines Grigori Sokolow, der selbst Gassenhauer mit der Aura des Meisterwerks zu umhüllen versteht. Immerhin: Wenn das "Spinnerlied" von Felix Mendelssohn Bartholdy in Schwung kommt, ist auch Lang Lang in seinem Element; und er reüssiert, wenn die Mozart-Variationen über "Ah, vous dirai-je Maman" an Tempo zulegen. Dennoch fraglich, ob er je ganz warm wird mit dem zarten Repertoire. Am Willen fehlt es nicht. Lang Langs Programm für den Konzerthaus-Auftritt am 17. März 2020: Bachs "Goldberg-Variationen".