Wien. Vier Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs war es vielleicht nicht die wichtigste Frage. Die zerbombte Kulturnation stellte sie sich aber trotzdem: Wie führt man den Nachwuchs an den Kunstschatz Musik heran? Egon Seefehlner hatte eine Antwort: Der Chef des Wiener Konzerthauses hob 1949 die "Jeunesse" Österreich aus der Taufe, die Kundschaft der ersten Stunde erhielt Zugang zu klassischen Abo-Konzerte. Im Lauf der Zeit weitete sich das Angebot beträchtlich aus: Maßgeschneiderte Programme buhlten um die Jugend, Zweigstellen in ganz Österreich schossen aus dem Boden. Heute nennt sich der Veranstalter mit den bundesweit 22 Geschäftsstellen "Österreichs größtes Musiknetzwerk". 600 Events pro Saison bedienen sämtliche Stil-Schubladen, rund die Hälfte der Termine findet in Wien statt, im Rahmen von 41 Abonnements.

Wobei: In der Zwischenzeit haben das Konzerthaus und der Musikverein ihr Jugend-Angebot massiv ausgebaut. Braucht Wien eigentlich noch die Jeunesse? "Doch, unbedingt", meint Antonia Grüner, seit 2016 künstlerische Leiterin des Vereins. "Wir entwickeln als Impulsgeber weiterhin eigenständige Formate." Zwar besitze man keine eigene Bühne, nütze dies aber zum eigenen Vorteil. "Wir gehen hinaus in die Stadt und bespielen neben Musikverein und Konzerthaus rund 25 Orte - nicht nur solche, die man für Konzerte kennt." Etwa die Brotfabrik: Im Vorjahr buhlte dort erstmals ein "Jeunesse-Tag" bei freiem Eintritt um Publikum; das Event wird heuer am 23. November wiederholt. Kurzkonzerte und Workshops sollen zu Beteiligung und Dialog locken, laut Grüner fruchtete das 2018: "Es kamen nicht nur unsere Stammgäste, also Familien, sondern auch Einwohner des zehnten Bezirks. Türen zu öffnen und Begegnungen zu ermöglichen, ist uns ein Anliegen; insofern braucht es die Jeunesse definitiv."

Jugendarbeit mit eigener Note

Will zum Dialog locken: Leiterin Antonia Grüner. - © Igor Ripak
Will zum Dialog locken: Leiterin Antonia Grüner. - © Igor Ripak

In der nächsten Jeunesse-Saison wird nicht nur der 70. Geburtstag gefeiert, sondern auch so manches Projekt mit eigener Note aufgeboten. So bespielt im Mai 2020 etwa das Berliner Stegreiforchester den "Reaktor" in Hernals. Die Gruppe, bekannt für ihre Improvisationen ohne Noten und Dirigent, will sich in Wien an Beethovens Neunte heranpirschen - dabei soll nicht nur die "Ode an die Freude", die offizielle Europa-Hymne, erklingen, sondern auch eine Menge an Volksmusik vom Kontinent. "Da verschwimmen die Grenzen in vielerlei Hinsicht", freut sich Grüner auf einen Abend mit sozialpolitischem Beigeschmack.

Diesen kann man auch dem Projekt "Morgen muß ich fort von hier" zubilligen. Bereits in der Vergangenheit hat es der Schauspieler Cornelius Obonya mit dem Ballaststofforchester aufgeführt, im Jänner 2020 wird es wiederholt. Grüner: "Dabei geht es um Musik und Literatur von Vertriebenen zwischen 1938 und 1945, aber auch um geflohene Künstler aus Syrien, die in Österreich leben - es ist unser Anspruch, an die heutige Lebenswirklichkeit anzudocken. Das Projekt wendet sich an die wohl schwierigste Zielgruppe, die 15- bis 19-Jährigen - und erwies sich doch als Erfolg: Es war faszinierend, wie Obonya die Jugendlichen gepackt hat."

Die Jeunesse rückt aber nicht nur junge Hörer in den Blick, sondern auch Nachwuchskünstler - laut Grüner ein weiteres Alleinstellungsmerkmal: "Wir porträtieren junge Künstler zu einem Zeitpunkt, an dem viele von ihnen noch wenig Beachtung finden, und begleiten sie weiter - etwa unsere aktuellen Featured Artists Benjamin Herzl und das Trio Artio." Schon Zubin Mehta, der greise Pultstar, habe einst in Wien eine frühe Chance von der Jeunesse bekommen, auch Franz Welser-Möst war dem Verein verbunden.

"Jubelstürme im Lungau"

Viele der zuletzt aufgestiegenen Jeunesse-Künstler werden in der Jubiläumssaison mitmischen - etwa das Wienerlied-Duo Die Strottern oder das Ensemble Federspiel, das für das Jubiläumskonzert am 19. September im Wiener Musikverein eine eigene Geburtstagsfanfare komponiert hat. Zugleich sucht die Jeunesse weiter tatkräftig nach jungen Talenten, etwa im Rahmen ihrer Reihe "Start Up!": Sie bietet Konzertbesuchern unmittelbar vor dem Beginn der gebuchten Veranstaltung ein kostenloses Zusatz-Event - und den unbekannten Talenten auf der Bühne eine frühe Bewährungsprobe.

Wer hier besteht, kann womöglich von einem weiteren Jeunesse-Vorzug profitieren: dem Zweigstellen-Netzwerk in ganz Österreich, von Zwettl bis Dornbirn. Grüner: "Durch diese Struktur, übrigens ehrenamtlich organisiert, können wir Tourneen für junge Musiker zusammenstellen und treten in den Regionen als kultureller Nahversorger auf." Zugegeben: Manche Zweigstelle sei nicht besonders groß, "die Künstler treten in Musikschulen, Pfarrsälen, manchmal in einem Buchgeschäft auf. Umso schöner aber, wenn dann etwa im Lungau Jubelstürme aufbranden."